Von Mülltauchern und Gipfeli von gestern: Food Waste in der Schweiz

Simone Bächler · 9 min · 17.06.2017

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Ein Dienstagmorgen im Frühling im Impact Hub Zürich am Sihlquai. Es ist noch früh. Ein junges Paar steht vor dem grossen Backsteingebäude, Stofftaschen unter dem Arm. Die Ferien im Süden stehen bevor, der Kühlschrank zu Hause noch viel zu voll. Statt die Lebensmittel wegzuwerfen, haben die Reisenden sie in Tüten gepackt – um sie im Impact Hub wieder auszupacken. Das Essen landet im sogenannten “Fair-Teiler”-Kühlschrank, versteckt hinter einem holzverkleideten Tor neben der Hub-Terrasse. Im Kühlschrank können überschüssige, aber noch essbare Lebensmittel abgegeben werden. Ein anderer darf sich dann darüber freuen.

Während die beiden Reisenden noch Joghurt und Milch in die Kühlfächer legen, keucht eine junge Frau die Verandatreppe hoch. Eine dieser gigantischen, blauen IKEA-Taschen hängt über ihre Schulter. Die Tasche ist gut gefüllt. Nicht mit Utensilien des schwedischen Möbelhändlers, sondern mit Essbarem. Gipfeli, ein Kilo Orangen, Peperoni, Salat, Rüebli. “Alles aus dem Container”, sagt die Frau. “Containern” oder auch “Dumpster Diving” nennt man das, wenn Leute in den grossen Tonnen auf den Parkplätzen der Lebensmittelhändler auf Tauchgang gehen – auf der Suche nach dem, was dort ihrer Meinung nach (noch) nicht hingehört. Legal ist das nicht. Für die Mülltaucher geht es aber in erster Linie um Protest. Es ist die Kritik an der Verschwendung von Lebensmitteln, an der Wegwerfgesellschaft. “Das kann man alles noch essen!”. Die Schätze aus der Tasche der jungen Frau sind tatsächlich einwandfrei. Ein paar bräunliche Stellen, ein paar Runzeln in der Peperoni. Aber auf jeden Fall geniessbar. Die Köstlichkeiten werden im Team verteilt. Was übrig bleibt, kommt in den Fair-Teiler-Kühlschrank. So viel Essen, alles aus der Tonne?

 

Der grosse Abfall entsteht nicht bei den Händlern

 

In der Schweiz landen jedes Jahr über 2 Millionen Tonnen Nahrungsmittel nicht auf dem Teller, sondern im Abfall. 300 Kilogramm pro Kopf. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Umwelt bafu. Aber die IKEA-Taschen-Episode täuscht. Es sind nämlich nicht hauptsächlich die Händler, die für die vielen weggeworfenen Lebensmittel verantwortlich sind. Laut der bafu-Studie fallen vier Prozent der Nahrungsmittel-Abfälle bei den Grossverteilern an. Viele Schweizer Läden gehen inzwischen aktiv gegen Food Waste vor. Bei der Migros wurden im letzten Jahr 1,5 Prozent der angebotenen Lebensmittel nicht als Lebensmittel verwendet. Weggeworfen wurden 0,1 Prozent, der Rest wurde verwertet als Tierfutter, Biogas oder Kompost. “Wir geben Lebensmittel, die nicht zum regulären Preis verkauft werden können, günstiger an Kunden oder Mitarbeiter ab oder stellen sie gratis gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung”, sagt Sarah Grossenbacher, Fachspezialistin Nachhaltigkeit beim Migros-Genossenschafts-Bund. “Und wir verarbeiten optisch weniger schöne, aber einwandfreie Früchte und Gemüse aus der Filiale in der Gastronomie und stellen daraus schmackhafte Menüs oder Smoothies her”.

 

 

Frisch, knackig und gesundheitlich unbedenklich muss es sein

 

Lebensmittelabfälle können durch die Händler nicht vollständig verhindert werden. “Die Konsumenten sind sehr anspruchsvoll”, sagt Sarah Grossenbacher von der Migros. “So müssen Früchte und Gemüse immer frisch und knackig aussehen, sonst werden sie liegen gelassen und nicht gekauft.” Zudem gibt es gesetzliche Vorschriften. Das Schweizer Lebensmittelrecht schreibt den Herstellern vor, dass sie die Lebensmittel datieren müssen. Aus Gründen der Sicherheit dürfen alle verderblichen Produkte nach dem Datum „zu verbrauchen bis“ nicht mehr konsumiert und darum auch nicht mehr weitergegeben werden. Der Hersteller kann dann nämlich nicht mehr garantieren, dass das Gegessene nicht krank macht – etwa aufgrund von schädlichen Bakterien, die sich im Lebensmittel während der Aufbewahrungszeit vermehren können. Diese Vorgaben müssen die Händler einhalten. Die meisten vorverpackten Lebensmittel sind aber mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum ausgezeichnet. Dieses gibt an, bis wann ein Produkt nach Ansicht der Produzenten qualitativ „tadellos“ ist – und ist als Empfehlung gedacht.

 

Trotzdem landen viele Lebensmittel oft zu früh in der Tonne – zum Beispiel Brot und Gebäck. “In der Schweiz werden 50 Prozent der Backwaren verschwendet”, sagt Raoul Stöckle, der mit seiner Äss-Bar aktiv gegen Food Waste vorgeht. Unter dem Motto “frisch von gestern” verkauft die Äss-Bar Brot und Patisserie vom Vortag. Das Gebäck erhalten Raoul Stöckle und sein Team von lokalen Bäckereien. “Wir halten uns an strengste Vorschriften und kontrollieren unsere Waren regelmässig, um die Sicherheit zu gewährleisten”, sagt Stöckle. “Natürlich sind unsere Produkte oft etwas knuspriger oder weicher als frisch gebacken – die Kunden nehmen dies aber bewusst in Kauf. Und Reklamationen sind selten”, so Stöckle. Die Nachfrage ist denn auch gross: Inzwischen gibt es die Äss-Bar-Läden neben Zürich auch in Bern, Basel und anderen Städten.

 

 

Aus dem Kühlschrank in den Eimer

 

In der Schweiz gibt mittlerweile zahlreiche solcher Initiativen. Auch die Stadt Zürich zum Beispiel führt seit 2015 ein Projekt zur Vermeidung von Food Waste durch. Sie untersucht jährlich, wie viel Lebensmittelabfälle in den städtischen Verpflegungsbetrieben anfallen und wo es Potenzial zur Reduktion gibt. Laut dem Gesundheits- und Umweltdepartement konnte die Menge an Food Waste dadurch bereits signifikant reduziert werden. Aber all diesen Projekten zum Trotz: Food Waste bleibt in der Schweiz ein Problem. Und das wird es auch bleiben, wenn wir nicht bei uns selber ansetzen. Weil wie eingangs erwähnt: Der grosse Teil der Lebensmittelabfälle kommt nicht aus dem Handel. Auch nicht aus Kantinen oder Restaurants. Am meisten Food Waste fällt in unseren eigenen vier Wänden an.

 

Ganze 45 Prozent der Lebensmittelabfälle werden in den Haushalten verschwendet. Das zeigt eine Studie von WWF Schweiz und foodwaste.ch. Gründe gibt es viele: Wir kaufen mehr ein als nötig. Wir wissen nicht, wie wir welche Lebensmittel lagern müssen. Und wir nutzen unsere Sinne zu wenig: Nicht immer heisst ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum nämlich, dass ein Lebensmittel nicht mehr gegessen werden kann. Manchmal lohnt es sich, ein Joghurt genauer anzuschauen und daran zu riechen, bevor es verschlossen im Abfalleimer landet.

 

 

Weitere Tipps gegen Food Waste von Lukas Bühler, Gründer des nachhaltigen Caterings “Zum Guten Heinrich”:

 

 

 

Wer sich selber mal an der Nase nehmen und nicht nur beim Thema Food Waste, sondern beim Abfall im Allgemeinen genauer hinsehen will, ist herzlich eingeladen, bei der SMART Waste Challenge unserer Memberin Natalia Gartmann mitzumachen. Drei Wochen voller Tipps und Inputs, um in Sachen Güsel smarter zu werden. Noch bis Ende Juni 2017!

 

Simone is in charge of public relations and media. She answers questions and requests from journalists, makes and maintains relationships with media and journalists and is keen on making the Impact Hub network wide and enduring. Simone gained her theoretical basis at the University of Fribourg and the Hochschule für Wirtschaft in Lucerne. Having a journalistic...

Simone Bächler, Communications, Media, Public Relations

simone.baechler@impacthub.ch

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