“No Hidden Agenda”: Wieviel Transparenz darf’s denn sein?

Andrea Holenstein · 12 min · 22.05.2017

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Wir lieben unser Co-Manifesto. Aber was genau bedeuten die ganzen Prinzipien? Und wie kann ich diese im Alltag leben? Erklärungsversuche aus dem Impact Hub Zürich Team und unserer Community. Dieses Mal:

„No hidden agenda. We operate on trust and practice transparency.“  

Dear Impact Hub Zurich team, what does “No Hidden Agenda” mean to you?

 

Und nun, Community, aufgepasst! Jetzt fühlen wir euch auf den Zahn. Wir wollen – nochmals – wissen, ob und welche Rolle das Co-Manifesto in eurem Geschäftsalltag spielt. Keine Ausflüchte in tolle, englische Buzz-Words – hier wird deutsch und deutlich gesprochen: Wie haltet ihr es mit der Transparenz, liebe Zürcher Hubbers?

Kundenbeziehungen stärken dank Transparenz

Erste Gespräche konnte ich am Impact Hub Start-up Circle am vorletzten Freitag führen: „Für uns als Data Scientists bedeutet Transparenz, dass der Code für die Analysen dem Kunden gehört“, sagt Olivier Benz von der b-data GmbH. Der Code ist offen und kann weiter entwickelt werden. Und durchschaubar ist auch der Zeitaufwand bei b-data: Die aufgewendeten Stunden sind jederzeit vom Kunden online einsehbar. Eine Limite gibt’s verständlicherweise und zwar bei den Kundendaten. Die sind – getrennt vom Code – sicher und geschützt aufgehoben.

Transparenz ohne Vertrauen geht nicht!

Ein etwas anderes Tätigkeitsfeld beackert Rodolfo Graullera von Safe Home PC. Rodolfos Firma bietet PC-Beratung für Seniorinnen und Senioren an. Sein ältester Kunde ist 94. Damit er ihm optimal helfen kann, hat er Rodolfo alle seine Passwörter anvertraut und ihm Zugang zu sehr vertraulichen Daten gegeben. Hier sind es also die Kunden, die für Safe Home PC völlig transparent sind. Vertrauen wird gross geschrieben und es braucht die absolute Gewissheit, dass keine der Informationen in falsche Hände gerät.

Transparenz schafft Verständnis im Team

Nochmals eine andere Art von Durchlässigkeit ist beim Start-up The Green Fairy gefordert. The Green Fairy hat sich ganz der veganen Bio-Glacé-Produktion verschrieben. Das Team besteht aus fünf Personen: Sonja Dänzer (CEO), Winette Krommendijk (Finance & Operations), Nelson Casas (Sales & Marketing, Tobias Schläfli und Rebecca Foster (Buchhaltung). Das Start-up ist noch im Aufbau und vor allem im Sommer laufen Produktion und Promotion auf Hochtouren – es wird an sieben Tagen pro Woche gearbeitet. Deshalb kommen jeweils zusätzlich zwei Sommerpreneurs (Sommer-PraktikantInnen) dazu. Fixe Arbeitzeiten gibt es bei The Green Fairy nicht, aber viele externe Arbeitseinsätze in Bern und weitere an verschiedenen Event-Orten. Doch damit nicht genug: Alle Mitarbeitenden haben kleine Kinder oder gar Babies zu Hause, um die sie sich kümmern müssen.

Ein Schnappschuss vom Green Fairy Team im heissen Sommer 2015 (v.r.): Tobias Schlaefli (Buchhaltung), Nelson Casas (Sales & Marketing), Sonja Dänzer (CEO) mit Sohn Loic, Winette Krommendijk (Finance & Operations) mit Mann Ulrof (zu Besuch) – Rebecca Forster (Buchhaltung) fehlt auf dem Bild.

Wie schafft man es unter diesen Bedingungen, die Arbeit gerecht zu verteilen? „Es ist ganz wichtig, dass wir uns effizient organisieren. Wir tun dies mit Hilfe einer offenen Online-Agenda“, sagt Nelson Casas. Die Einträge sind völlig transparent und auch private Termine werden notiert. Möglichst früh – so etwa drei Monate – im Voraus, um Lösungen für Engpässe zu finden. „Wir geben uns gegenseitig viel Einblick ins Familienleben. Das braucht Vertrauen, aber so schaffen wir Verständnis füreinander und finden immer Lösungen, um die Arbeit gemeinsam zu schaffen“, sagt Nelson. Er findet, diese Transparenz fördere die Team-Entwicklung. Und aus dieser Offenheit heraus sei es dann auch einfacher, Fehler zu kommunizieren und Krisen zu bewältigen. „Ein Start-up hat jeden Tag 1000 Probleme zu lösen. Eine offene, transparente Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg“, davon ist Nelson überzeugt. 

Mehr Tiefe dank mehr Transparenz

Dass persönliche Dinge auch am Arbeitsplatz besprochen werden sollten, davon ist auch Mitglied Heinz Robert überzeugt. „Muss ein Teil von mir vor der Türe bleiben, wenn ich an meinen Arbeitsplatz gehe?“ fragt er. Nein, denn er ist überzeugt: „Es darf auch hier keine „hidden agenda“ geben: Nur wenn Menschen sich mit ihren Ängsten und Freuden zeigen dürfen, sind kreative Prozesse und Co-Kreation möglich, sonst bleibt man an der Oberfläche.“

Aber wo liegen die Grenzen?

Alle bisherigen Gesprächspartner waren von der Wichtigkeit und Nützlichkeit von Transparenz überzeugt. Und niemand hatte Lust, über die Grenzen von Transparenz zu sprechen. Nicht so Flurin Capaul von Boonea, dem Unternehmen, das die zwischenmenschliche Kommunikation in Unternehmen misst und auswertet. Frisch von der Leber weg sagt er gleich: „Transparenz, das ist doch ein Modewort, etwas für Politiker.“ Sein Schreckbild dazu ist ein grosser Tisch, um den alle herumsitzen und reden. Aber keiner übernimmt Verantwortung und alle wollen überall mitreden. „Ein Unternehmer ist ein Unternehmer, weil er Entscheidungen fällt und dann auch den Kopf hinhalten muss“, sagt Flurin. Das Stichwort „no hidden agenda“ spielt allerdings auch für ihn eine zentrale Rolle. „Ich lege meine Ziele, meinen Vertrag, meine Projekte von Anfang an offen auf den Tisch und bin damit gut gefahren“, berichtet er.

Transparenz als Standard: Beispiel Panter

Doch schauen wir, wie in einer der grösseren Firmen im Impact Hub Zürich Transparenz gelebt wird. Es gibt dazu einen tollen Blogpost, der das Thema ausführlich behandelt und was ich da lese, verblüfft. Transparenz by Panter geht – unter anderem –  so: Es gibt nur zwei Lohnstufen: Senior und nicht Senior. Ursprünglich war es sogar nur eine Lohnstufe. Die zweite Lohnstufe wurde später eingeführt, um auch neuen Talenten, die noch nicht auf Seniorstufe sind, den Einstieg bei Panter zu ermöglichen. Innerhalb dieser beiden Lohnstufen verdienen alle Mitarbeitenden, inklusive Firmen-Inhaber, gleich viel (bezogen auf ein 100%-Pensum). Der Lohn ist abhängig von den geleisteten Arbeitsstunden und der aktuellen Auftragslage. Und nun kommt’s: Die aktuellen Löhne werden jeden Monat berechnet und für alle Mitarbeitenden ersichtlich publiziert. Das hatte ich bisher noch nirgends gelesen oder gehört! Jede und jeder Mitarbeitende weiss also genau, wer wieviel gearbeitet hat und wieviel er oder sie dafür diesen Monat bekommt. Wow. Die Panter sind Transparenz-Champions!

Panter Coworking Tisch im IHZ; (von links im Uhrzeigersinn) Gerry Gunzenhauser, Michelle Rickenbach, Claudio Romano, Jonas Blumer, Dominique Schuwey, Marco Wettstein, und Andreas König

Da alle am Erfolg bzw. Misserfolg beteiligt sind, halten es die Panter für sinnvoll, dass die Mitarbeitenden auch die Unternehmensentwicklung beeinflussen können. Die Hierarchien und Prozesse sind deshalb flach, Partizipation sowie eine offene Kommunikation werden gross geschrieben. Zum Beispiel werden operative Entscheide einmal pro Woche an einem Meeting gefällt, dem pan.h (s. Foto). Jeder Mitarbeiter kann teilnehmen und bei jedem Entscheid ein Veto einlegen. Alle wichtigen Themen wie Wachstum, Mitbestimmung und Marktpositionierung werden behandelt.

Damit das oben beschriebene System funktioniert, braucht es Mitarbeitende, die wirklich bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und dies nicht als Belastung empfinden. Falls jemand nur an seinem Lohn und nicht auch am Erfolg der Unternehmung interessiert ist, funktioniert das System wohl kaum. Denn nicht nur der Erfolg wird von allen Mitarbeitenden geteilt, auch die Risiken werden gemeinsam getragen. Und ein Lohn der monatlich höher oder tiefer sein kann, ist ganz bestimmt nicht jedermanns Sache. Deshalb wird die Auswahl neuer Mitarbeitender bei Panter mit besonderer Sorgfalt und nach einem ganz speziellen Verfahren durchgeführt. Mehr darüber, wie Transparenz bei der Panter AG gelebt wird ist hier und hier nachzulesen.

Wenn ihr noch weitere gute Beispiele kennt oder ganz einfach eure Meinung kund tun möchtet – dann greift doch in die Tasten und schreibt gleich jetzt einen Kommentar. Ich bin gespannt…

How can I contribute to make this world more green and fair? After achieving my Master’s Degree in Communications at the University of Lugano (USI) in the year 2011, I was in the perfect mood for new horizons. Hence, I decided to pass on my newly-acquired knowledge with my long-standing
Andrea Holenstein, Communications

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