“Truly regenerative” im Arbeitsalltag? So geht das.

Andrea Holenstein · 8 min · 24.07.2017

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Wir lieben unser Co-Manifesto. Aber was genau bedeuten die ganzen Prinzipien? Und wie kann ich diese im Alltag leben? Erklärungsversuche aus dem Impact Hub Zürich Team und unserer Community. Dieses Mal:

„Truly regenerative. We take care of ourselves and the world.“

Gespräche mit der Impact Hub Community Zürich über die Werte im Co-Manifesto

Diesmal wollte ich eine kleine Umfrage bei den Nachhaltigkeitsheldinnen und -Helden im Impact Hub Zürich machen. Einfach ansprechen, dachte ich, und hören, was sie zu berichten haben. Also machte ich mich an einem noch einigermassen kühlen Freitagmorgen auf ins Colab – ganz Old School mit Notizblock und Stift bewaffnet. Die Tische waren nicht ganz so dicht besetzt wie sonst. Klar, die Sommerhitze setzt allen zu und ausserdem ist heute Freitag…

Doch keine Zeit verlieren, jetzt sind die Gedanken noch klar. Ich steuere also auf den ersten Tisch im ersten Stock zu – und ernte einen erschrockenen Blick: „Sind wir etwa am falschen Tisch?“ Nein, meine Lieben, ihr seid goldrichtig, denke ich. Und erkläre, dass ich auf der Suche nach Nachhaltigkeitsheldinnen bin und dass dieser Tisch so viel ich weiss, allen Mitgliedern zur Nutzung zur Verfügung steht.

 

Flexibel arbeiten – saisonale und regionale Produkte kaufen

Daniela Gerber ist von der AXA Winterthur, einer Impact Hub Partnerfirma. Ich frage sie, was sie tun musste, damit sie hier im Hub arbeiten kann. „Nichts“, lacht sie, „das ist keine Belohnung für besondere Leistungen. Alle Mitarbeitenden können im Rahmen eines Pilotversuchs stunden- oder tageweise Coworking Spaces nutzen.” Dies sei Teil der flexiblen Arbeitsmodelle, welche die Firma stark fördere, sagt Daniela. Nicht für alle Jobs ist dies aber so einfach möglich. „Beispielsweise, wenn man viel telefonieren muss oder mit vertraulichen Daten zu tun hat“, sagt Daniela. Für sie als Content Marketing Managerin sei es jedoch eine willkommene und inspirierende Abwechslung, sporadisch im Impact Hub zu arbeiten. Vom Co-Manifesto und den dort formulierten Werten und Zielen hat Daniela bisher noch nichts gehört. Sie will sich den Flyer aber mal genauer anschauen. Nachhaltigkeit ist für sie grundsätzlich sehr wichtig. „Ich pendle mit dem ÖV von Oberrieden zur Arbeit und kaufe vor allem saisonale und regionale Produkte, wenn möglich nicht von den Grossverteilern“, meint sie. Und am Arbeitsplatz? „Die AXA ermuntert uns dazu, möglichst CO2-neutral zu handeln, zum Beispiel nicht zu viel zu drucken“, erklärt Daniela. Im Juni habe die Firma wiederum eine Corporate-Responsibility-Woche für die Mitarbeitenden durchgeführt, um für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. In diesem Rahmen konnten beispielsweise E-Mobilitätsgeräte getestet werden.  Ausserdem habe die AXA Winterthur eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, rundet Daniela das Gespräch –  ganz professionelle Marketing Fachfrau – mit einem Verweis auf die Website ab. 

Daniela Gerber von Axa Winterthur

 

In der Schweiz drucken und rechtzeitig Feierabend machen

Am Nebentisch ist Grafik 2 zu Hause. Grafik 2 ist ein gestandenes Start-up, sofern diese Wort-Kombination erlaubt ist. Gegründet von Janine Fuchs und Stephan Kauflin kann es nächstes Jahr bereits seinen 10-jährigen Geburtstag feiern. Ich treffe das bestens eingespielte Tandem, das Gestaltungskonzepte und unterschiedlichste Projekte im Bereich der visuellen Kommunikation entwickelt, an ihrem „Residential Table“, einem fixen Arbeitsplatz, im Colab am Sihlquai. Nachhaltigkeit ist für beide ein zentrales Thema: „Wir benutzen den ÖV, das Velo und für Geschäftsfahrten auch mal die Carsharing-Autos von Mobility“, erklärt Janine. Wenn möglich und sinnvoll druckt Grafik2 auf Recyclingpapier und die beiden versuchen auch immer, die Kundschaft davon zu überzeugen, in der Schweiz zu drucken. Stephan und Janine arbeiten beide Teilzeit. Gut für das eigene Wohlbefinden zu sorgen – we take care of ourselves – , finden sie selbstverständlich. Stephan: „Wir schauen, dass wir möglichst keine Arbeit nach Hause nehmen müssen und rechtzeitig Feierabend machen.“ Das leuchtet mir ein, denn gutes Graphik Design verlangt ausgeschlafene Köpfe, damit die Ideen sprudeln.

Stephan Kauflin und Janine Fuchs von Grafik 2

 

ÖV, geteilte Infrastruktur und Ferien im Alltag einbauen

Wer sonst sieht denn als Nächstes gesprächig aus? Ich gehe auf eine Tisch-Gruppe im Nebenraum zu, und frage, was für sie „truly regenerative“ sei. „Ich bin heute mit dem ÖV“ gekommen, meint Darko Veljaca von bluprint. Auch seine bluprint-Kollegin Danielle Schnieper benutzt selbstverständlich den ÖV. Und auch die Firma, bei der sie angestellt sind, sei nachhaltig – indem sie nachhaltig erfolgreiche Beratung anbieten und dadurch Zeit und Ressourcen der Kundschaft spare, meinen die beiden. Solopreneur Marinus Klap (www.klap-webdevelopment.com), der am gleichen Tisch sitzt, wohnt nur fünf Minuten vom Colab entfernt und kommt zu Fuss zur Arbeit. Er berichtet: „Für mich ist im Impact Hub zu arbeiten, sehr nachhaltig. Ich brauche kein eigenes Büro, ich teile die Infrastruktur. Ich brauche nur einen Laptop. Und ich vermeide die Selbstausbeutung, die ich bis vor einiger Zeit bei einem Grosskonzern bis zum Burnout betrieben habe. Wenn ich nicht mehr arbeiten mag, gehe ich baden. Ich kämpfe auch nicht mehr mit starren Prozessen und Hierarchien, die meine Weiterentwicklung behindern. Und im Sommer, wenn es heiss ist, nehme ich generell keine Stress-Aufträge an. Ich schlafe mehr. Das kann ich, weil ich weder einen Chef noch Gruppendruck habe. Truly regenerative, das stimmt für mich. Wer je ein Burn-out hatte, weiss: das ist der richtige Weg. Arbeiten bis zum Umfallen, dann in wahnsinnig teure Ferien fahren, von denen man vor lauter Erschöpfung nicht viel hat, weil man erst mal schlafen muss, das bringt es nicht. Ich baue meine Ferien in den Alltag ein. Zürich ist – gerade im Sommer – eine tolle, lässige Stadt. Ich kümmere mich ausserdem auch die Hälfte der Woche um mein Kind, das ist mir ebenfalls wichtig.“

Darko Veljaca, Urs Blickenstorfer und Danielle Schnieper von bluprint (v.l.)

 

Das Leben nicht aufschieben, auch wenn’s dafür Nachteile gibt

Auch für Danielle ist das Familienleben wichtig, darum arbeitet sie 50 Prozent. Darko ergänzt: „Regenerativ, das ist das, was Spass macht.“ Und alle drei machen zwischendurch auch mal Home Office. Sie sind sich einig, selbstbestimmt zu arbeiten, so dass es auch mit dem Familienleben vereinbar ist, dies sei ein nachhaltiges Lebensmodell. Marinus verschweigt aber auch nicht, dass dies bedeutet, dass man bereit sei, mit knapperen Finanzen zu leben. Allerdings brauche er auch viel weniger Luxus und Frusteinkäufe gebe es bei ihm schon gar nicht mehr. Auch Danielle ist sich bewusst, dass es Nachteile gibt: „Teilzeit zu arbeiten ist auch ein Karriere-Risiko. Ich weiss nicht, was später kommt. Andrerseits ermöglicht mir diese Art zu leben, jetzt die Sachen zu machen, die ich gerne mache.“ Genau, denn ist es nicht auch ein Risiko, Dinge auf später aufzuschieben? Wer weiss, ob eine bestimmte Gelegenheit oder eine Situation im Leben wiederkommt. Urs Blickenstorfer, der Chef von bluprint Schweiz, der nun zu uns stösst, holt uns wieder in den Arbeitsalltag zurück. „Bluprint bemüht sich, auch als international tätige Firma möglichst nachhaltig zu operieren. Obwohl unsere Kunden überall in Europa verteilt sind, versuchen wir Flugreisen zu reduzieren und statt Meetings vor Ort Videokonferenzen durchführen”, sagt er. Urs findet es ebenfalls ganz grundsätzlich nachhaltiger, im Impact Hub zu arbeiten. „Es gibt hier eine gute Infrastruktur, um zu wachsen. Ausserdem brauchen wir so viel weniger Administration, das ist ebenfalls nachhaltiger.“

Marinus Klap von Klap Development

 

Nachhaltigkeit in kleinen Schritten, Tag für Tag

Im vierten Stock ist es heute fast leer. Leider fühlt sich der Summerpreneur, den ich hier ganz vertieft am Computer arbeitend doch noch finde, nicht in der Lage, zum Thema Nachhaltigkeit etwas zu sagen. Nun, nach seinem Praktikum weiss er dann bestimmt mehr und ist auch nicht mehr so Interview-scheu… Beim Treppen-runter-steigen vom vierten Stock lasse ich die Gespräche im Kopf nochmals Revue passieren: Den oder die Nachhaltigkeitsheld*in habe ich – heute zumindest – nicht entdeckt. Dafür aber die Erkenntnis gewonnen: Das ist es eben, es braucht gar keine Heldentaten. Es braucht die vielen kleinen nachhaltigen Taten von vielen Menschen, Tag für Tag, persönlich umgesetzt und gelebt, die zu „truly regenerative“ führen.

 

Bist DU der/die Nachhaltigkeits-Held*in?

Es könnte nun natürlich auch sein, dass sich der Nachhaltigkeitsheld oder die Nachhaltigkeitsheldin eben – we take care of ourselves – gerade einen freien Frei-Tag gönnte, um der Hitze zu entfliehen, als ich durch’s Colab streifte… Sollte also ein Nachhaltigkeitsheld oder eine -heldin in eurer Nähe auftauchen – oder seid ihr das gar selber?! – dann bitte gleich hier und jetzt in die Tasten greifen und mir Bescheid sagen. Ich bin und bleibe gespannt auf eure Nachhaltigkeits-Highlights – aber auch auf eure vielen kleinen Schritte, die zur Nachhaltigkeit führen!

How can I contribute to make this world more green and fair? After achieving my Master’s Degree in Communications at the University of Lugano (USI) in the year 2011, I was in the perfect mood for new horizons. Hence, I decided to pass on my newly-acquired knowledge with my long-standing
Andrea Holenstein, Communications

info@greenfocus.ch

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