„Failing Forward“ – Hinfallen, Aufstehen, Krone richten und weitergehen

Andrea Holenstein · 9 min · 05.03.2018

Photos by
Andrea Holenstein

Wir lieben unser Co-Manifesto. Aber was genau bedeuten die ganzen Prinzipien? Und wie kann ich diese im Alltag leben? Erklärungsversuche aus dem Impact Hub Zürich Team und unserer Community. Dieses Mal:

„Failing Forward. We build, fail, learn and repeat.“  

 

Bei der Prüfung durchgefallen, das Projekt total vermasselt, das Start-up in den Sand gesetzt… Oder richtig schlimm krank geworden… – Aufwachen bitte, das muss ein Albtraum sein! Doch leider bist du schon wach, du stehst auf dem harten Boden der Realität. Genauso ist es Jacques vor einigen Jahren ergangen: Er baute einen Online-Shop für Bademode und Unterwäsche auf. Steckte all sein Talent, monatelange Arbeit, all seine Hoffnungen und sein ganzes Geld in erstklassiges Design aus Premium-Materialien  – doch die Sache floppte. „Du musst nicht nur ein Designer sein, sondern auch ein Berater “, so lautet knapp zusammengefasst seine wichtigste Lektion.

 

„Wir schmeissen die erste App-Version weg“

Heute hat Jacques Oberholzer, Gründer und UX-Direktor von Now Boading Digital (www.nowboarding.com) gut lachen. Nowboarding ist eine preisgekrönte Digitalagentur mit drei ausgezeichneten Apps und einer ebenfalls ausgezeichneten Immobilien-Website. Der klassisch Schweizerische Familienname Oberholzer täuscht, Jacques hat zwar einen Schweizer Elternteil, er hat jedoch den grössten Teil seines Lebens in Südafrika verbracht. Seit November 2017 ist er im Impact Hub Zürich und will nun mit nowboarding auch den Schweizer Markt erobern.

Das Geheimnis von nowboarding? Die Produkte sind konsequent auf das Nutzer-Erlebnis und die Usability ausgerichtet. “Das ist unser USP“, sagt Jacques, „wie etwas aussieht und wie es funktioniert. Das vergessen die Leute zu oft. In Südafrika sind 99 Prozent der Start-ups nach zwei bis drei Jahren weg vom Fenster.“ Nowboarding hat deshalb „Failing Forward“ zum Prinzip erklärt: „Wir produzieren die erste Version der App so billig wie möglich – oft erst nach langer Überzeugungsarbeit beim Kunden, der von Anfang an ein Premium will und vom Investor dafür viel Geld bekommen hat“, sagt der UX Director. „Aber man darf keine Angst haben, die erste App-Version wegzuschmeissen. Im Gegenteil, es ist viel besser, sie dreimal zu bauen und dabei ganz viel zu lernen“, sagt Jacques mit Überzeugung in der Stimme. So hätten sie unter anderem auch eine supergute App für die Vermittlung von Reinigungspersonal entwickelt, um Jobs für Arbeitslose zu schaffen, unterstützt von der Südafrikanischen Regierung. Alles auf dem neusten technischen Stand. „Das Dumme war nur, dass die Arbeitslosen mangels Bildung nicht mit den Apps umgehen konnten. Also lautete die Devise auch hier: dazulernen und besser machen. Ein klassischer SMS-Dienst war die Lösung für die Arbeitslosen. Das klappte dann bestens,“ erzählt Jacques.

Jacques Oberholzer von nowboarding.

 

„Krebs ist ein Versagen – du fällst ständig hin und musst immer wieder aufstehen“

Katarina Hagstedt sitzt mit auffällig grossen Kopfhörern am Tisch. Sie sind sozusagen ihr Markenzeichen, sie produziert Podcasts. „Ein mündliches Interview mit Audio-Effekten zu würzen, das gibt eine eindrucksvolle zusätzliche Wirkung“, sagt sie über ihre Arbeit. Die Interviews sind einem sehr speziellen Thema gewidmet: Krebs-Patienten, die diese Krankheit besiegt haben, erzählen ihre Geschichte. Dafür hat sie zusammen mit ihrem Ehemann, selber ein ehemaliger Krebspatient, die Plattform mysurvivalstory.com aufgebaut und auf einer Reise um die Welt 35 Geschichten von Überlebenden gesammelt. Ursprünglich war Katarina im Online-Marketing tätig, doch die Krebskranheit ihres Mannes hat auch sie verändert, sie widmet sich nun ihrer wahren Leidenschaft, den mündlichen Geschichten.

Katarina und ihr Mann sind überzeugt, dass es anderen Patienten hilft, Geschichten von Überlebenden zu hören und dass diese wertvollen Erfahrungen nicht verloren gehen dürfen. Und so sammeln sie Geschichten. Katharina, die ursprünglich aus Schweden stammt, ist zurzeit dabei, diese gesammelten Audio-Texte zu überarbeiten. „Ja, Krebs ist „Failing“, ein totales Versagen, eine heftige Explosion“, beantwortet sie meine Frage. „Es geht ganz existentiell darum, nach jedem Hinfallen im Auf und Ab der Krankheit wieder aufzustehen, auch als Partnerin“. Und auch beim Sammeln der Geschichten gab es Rückschläge. „Wir haben zu stark uns selber als Massstab genommen“, erzählt Katarina, „wir dachten, reisen und aktiv sein, so wie wir das taten, sei für unsere Gesprächspartnerinnen und –partner ermutigend und inspirierend.“ Doch das war nicht der Fall. Manche fühlten sich unter Druck gesetzt. Das war das Letzte was das Paar wollte. „Wir merkten, dass unsere Erfahrungen nicht allgemeingültig waren. So fingen wir an, auch andere Geschichten zu sammeln. Geschichten von Menschen, die sich schwach fühlten. Und wir lernten dabei: Auch diese Geschichten können hilfreich und inspirierend sein.“

Katarina Hagstedt von mysurvivalstory.com

 

Die Quittung fürs Drauflosstürmen

Haarscharf an einem Crash vorbeigeschrammt sind Cedric Domeniconi und sein Auto-Pfandhaus.ch (www.auto-pfandhaus.ch). Obwohl das schon 12 Jahre her ist, erinnert Cedric sich lebhaft: „Eigentlich hatten wir ja ein komisches Bauchgefühl. Der Anwalt, der abklären sollte, ob wir ein zollfreies Pfandhaus für Schweizer Autos im deutschen Jestetten eröffnen können, gab zwar grünes Licht, schob die schriftliche Bestätigung seiner Abklärungen aber immer wieder hinaus. Wir gründeten dann irgendwann einfach“, erinnert sich Cedric. Die Quittung für dieses Drauflosstürmen kam relativ rasch: Der deutsche Zoll wollte Geld für die beliehenen beziehungsweise verkauften Autos aus der Schweiz – und zwar sehr viel Geld. „Wir mussten unsere allerletzten Reserven anzapfen, sämtliche Freunde und die Familie anpumpen und so hat es ganz knapp gereicht“, erzählt Cedric.

Und einen anderen Firmensitz finden musste das Start-up auch. Anders als in Deutschland, wo es Auto-Pfandhäuser in jeder grösseren Stadt gibt, sind die gesetzlichen Hürden für dieses Geschäft in der Schweiz praktisch unüberwindbar, deshalb kam nur Deutschland als Firmensitz in Frage. Doch es gab zum Glück eine Lösung: Büsingen, eine zollfreie, deutsche Enklave. Das Jungunternehmen zog also mit seinen Firmensitz so rasch wie möglich dorthin. „Aus diesem Flop haben wir gelernt, wirklich gut zu Recherchieren, nie, nie Geld beim Anwalt zu sparen und auf das Bauchgefühl zu hören“, sagt Cedric.

Doch wer bringt denn eigentlich sein Auto in ein Pfandhaus? Es sind gerade nicht die armen Schlucker, die sozial Benachteiligten, erklärt Cedric. „Damit es sich lohnt, muss ein Auto mindestens 7000 Franken Wert haben und abbezahlt sein. Unsere Kunden fahren einen Porsche, BMW oder Mercedes und sitzen gerade in irgendeiner Klemme. Und sie rechnen damit, da schnell wieder rauszukommen“, sagt Cedric. Denn Pfandleihe sei nur sinnvoll, um einen ganz kurzfristigen Engpass zu überbrücken und keinesfalls, um einen neuen Fernseher zu kaufen. Die Zinsen sind nämlich höher als bei einer Bank. Cedric rät seinen Kunden denn auch immer, zu prüfen, ob nicht vielleicht der Verkauf des Autos der bessere Weg sei. „Doch vielleicht muss einer sich ja gerade mal aus einem „Fail“ retten“, lacht Cedric. „Im schlimmsten Fall ist dann halt das Auto weg.“

Cedric Domeniconi von Auto-Pfandhaus.ch

 

Wie aus einem Fail ein Glücksfall wurde

Anna Pfeiffer ist die Gründerin von Five Skincare (www.fiveskincare.com) und ihr Start-up ist noch sehr jung. Ihr Business sind Naturkosmetik-Produkte aus nur fünf Inhaltsstoffen oder weniger und seit August 2017 sind sie auf dem Markt. Warum diese Reduktion? „Ich suchte nach einem Produkt für sensible Haut, wie ich sie selber habe“, erzählt Anna. Denn heutige Produkte würden aus Dutzenden von Inhaltsstoffen bestehen. Wer mehrere davon an einem Tag benutzt, mutet seiner Haut locker 150 verschiedene Ingredienzen zu. Kein Wunder, nehmen Allergien zu!

Doch zurück zur Geschichte von Five Skincare. Investoren sind in der Kosmetik-Industrie – ein Haifischbecken weiss Anna aus Erfahrung – nicht so einfach zu finden. Darum machte sich Anna auf in die VOX TV-Show «Die Höhle der Löwen» und pitchte vor einem Drei-Millionen-Publikum. Und tatsächlich, eine Investorin biss an und versprach vor laufender Kamera, ins Geschäft einzusteigen. Hinter den Kulissen, als nun die Details hieb- und stichfest geregelt werden sollten, entwickelte sich die Sache jedoch anders. Man konnte sich nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen und so kam der Deal doch nicht zustande. 

Doch Five Skincare hatte Glück im Unglück: Aus dem Investment wurde zwar nichts aber das junge Unternehmen überzeugte mit der Präsentation seiner Produkte und der Verkauf lief – aus eigenen Quellen finanziert – erfolgreich an. „Mit einem möglichen Fail leben, das musst du als Unternehmerin können, sonst bist du am falschen Platz“, erklärt Anna selbstbewusst. Ich bin sicher, Powerfrau Anna würde in einem solchen Fall ganz einfach aufstehen, ihr Krönchen richten und weitergehen

Anna Pfeifer von fiveskincare

 

 

Seit 2012 bin ich als selbständige Kommunikationsberaterin unterwegs. Meine Arbeit basiert auf einer soliden Ausbildung sowie auf meiner Erfahrung als Journalistin, Mediensprecherin und Kommunikation...

Andrea Holenstein, Communications

info@greenfocus.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.