“100% Human: Arbeiten ohne Türen und Job-Erfinden im Park”

Andrea Holenstein · 11 min · 07.05.2018

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Wir lieben unser Co-Manifesto. Aber was genau bedeuten die ganzen Prinzipien? Und wie kann ich diese im Alltag leben? Erklärungsversuche aus dem Impact Hub Zürich Team und unserer Community. Dieses Mal:

„100% human – We meet at eye level and bring our whole selves to work“  

 

Ein gutes Bauchgefühl und das richtige Arbeitsumfeld

„We meet at eye level and bring our whole selves to work“ sind für Bora Polat, CEO und Gründer von Montemedia, nicht nur schöne Worte, die er mit Charme und Witz vertritt, wie beispielsweise am HubXpress-Pitch 2016, sondern etwas, das er lebt. Mit voller Überzeugung. Und zwar vom Recruiting-Prozess und der Zusammenarbeit über das Produkt bis zum Umgang mit den Kunden. Montemedia arbeitet im Bereich Digital Marketing und bringt gemäss Bora Polat «online die richtige Botschaft an die gewünschte Zielgruppe – zur richtigen Zeit». «Der Mensch steht im Mittelpunkt, es ist immer people’s business», sagt Bora. Dies beginnt schon gleich beim ersten Kontakt: Bewerbungsgespräche werden bei Montemedia nicht am Bürotisch geführt, sondern irgendwo draussen, beispielsweise in einem Park – ab und zu kann es sogar eine Bar sein. «Wir spazieren nebeneinander und plaudern über das, was der Bewerber oder die Bewerberin gerne macht, aber auch über Themen aus dem Privatleben.» Bora will die Leute kennen lernen, will dass sie sich ihm gegenüber öffnen, egal ob Kunden, Team oder Partner. Er sucht Menschen, die voll motiviert sind. Deshalb fragt er auch nach, was die Person für sich selber in zwei oder fünf Jahren erreicht haben möchte und will herausfinden, warum. «Motivation, das ist das Allerwichtigste, die Skills kann man sich aneignen, das innere Feuer nicht», davon ist der unorthodoxe CEO überzeugt.

Diesen starken inneren Antrieb will er nutzen und fördern und er ist bereit, dafür den Bewerbungsprozess auch mal auf den Kopf zu stellen. «Wenn jemand bestimmte Fähigkeiten und Ideen hat, solche, die ich vielleicht nicht direkt gesucht habe, dann schaue ich, ob es dafür auf dem Markt eine Nachfrage gibt», erzählt er. «Finden sich Leute mit Zahlungsbereitschaft, dann machen wir das. Die Person wird eingestellt, macht ihr Ding und erledigt zusätzlich einen gewissen Teil des Daily Business.» Da die Leute nicht wegen des Geldes zu seinem Start-up kommen, funktioniere das, erklärt er.

Darum ist das Vorstellungsgespräch – oder besser das Kennenlern-Gespräch – so wichtig und ebenso das Bauchgefühl. «Zusammenarbeit im Team und auch mit Kunden, das ist wie bei der Partnerwahl», sagt Bora, «es muss wirklich passen.» Aber auch das Umfeld des Start-ups muss stimmen, weiss der Gründer aus Erfahrung. «Wenn du täglich Leute um dich herum hast, die ihre Arbeit nur als Durchlauf-Erhitzer nutzen, macht das die Motivation kaputt. Du kannst so kein Team oder Partnerschaften aufbauen und schon gar keine Freundschaften oder Vertrauen.» Das war für ihn auch der Grund, beim Impact Hub Zürich Member zu werden. «Hier ist man nicht gegeneinander, auch nicht nebeneinander, sondern miteinander. Die Grundeinstellung ist, dass man sich gegenseitig unterstützt und sich hilft, für die ganze Gesellschaft sinnvolle Ziele zu erreichen. Es ist normal, transparent und ehrlich zusammenzuarbeiten, auf Augenhöhe eben», fasst er seine Erfahrungen zusammen.

Bora Polat, CEO Montemedia, Impact Hub Zürich Xmas 2016, Hub Xpress
Photo: udo.sollberger@fotofabrik.ch

 

Das Gegenteil vom Arbeiten in einer Bubble

Einfach in das Büro einer internationalen Firma spazieren und ein Gespräch anfangen, weil dir gerade ein Thema unter den Nägeln brennt? Kein Scherz, bei der Firma Sennheiser geht das! Zumindest beim Innovations-Team, zu dem Lorenz Bucher (3D Audio Software Architect), Renato Pellegrini (Project Leader AMBEO**), Sofia Brazzola (User Experience Manager) sowie Veronique Larcher (Director AMBEO Immersive Audio) gehören und das (fast) wie ein Start-up funktioniert.

Nachdem geklärt ist, dass die folgenden Aussagen die eigenen und nicht diejenigen der Firma sind, kann das Gespräch losgehen. Wie funktioniert Arbeiten, wenn man keine Türe zumachen und jederzeit angesprochen werden kann? «Die Probleme von jemand anderem zu lösen, bringt auch uns weiter», erklärt Renato. Und umgekehrt. So werden beispielsweise seit längerem Headsets, die vor Lärm schützen, in der Hub-Community getestet. Das Feedback hilft, das Produkt weiter zu entwickeln. «Der Impact Hub Zürich ist das Gegenteil vom Arbeiten in einer Bubble», wirft Sofia ein. Der Austausch mit (anderen) Start-ups ist reflektiert, gewollt und sehr persönlich. Ganz nach dem Co-Manifesto-Motto «Wir bringen unser ganzes Selbst an den Arbeitsplatz». Lorenz meint dazu: «Du wirst hier nicht gezwungen, dich am Arbeitsplatz in einen anonymen, effizienten Business-Menschen zu verwandeln.» Und Sofia doppelt nach: «Wir können naiv, frisch und «out-of-the-box» denken und handeln.» Die lockere, familiäre Impact-Hub-Atmosphäre ermögliche und erleichtere diese Herangehensweise. Sich auf ‹Eye-Level› zu begegnen ist im Sennheiser-Team selbstverständlich: «Jeder von uns hat hier sein oder ihr ganz spezielles Wissen und das respektieren wir», sind sich alle einig. Auch Véronique, die Teamleiterin, die sich für eine Sitzung ausklinken musste, legt Wert auf einen Umgang auf Augenhöhe.

Nur wenig Zwischenwände, dafür Sofas, Sitzecken, eine Küche und natürlich das Café im Erdgeschoss – die IHZ-Einrichtung ist auf Begegnung ausgerichtet. Die Begeisterung im Team für diese Arbeitsweise ist spürbar. Doch wer denkt, deshalb könne man eine ruhige Kugel schieben, täuscht sich gewaltig: Es geht hier nicht um lockere Nine-to-Five-Jobs, sondern um die Weiterentwicklung von Innovationen in einem umkämpften Markt. «Weil der Impact Hub sich nicht wie ein steifes, traditionelles Büro anfühlt, ist es für mich total ok, auch mal länger im Büro zu bleiben, so lange eben, bis meine Aufgaben für den Tag erledigt sind», sagt Sofia. Alle übernehmen Verantwortung für das ganze Team. Auch Lorenz, der Programmierer, schläft schlecht, wenn etwas mit seinem Code nicht stimmt.

Praktiziert das Sennheiser-Team im Impact Hub Zürich also die Zukunft des Arbeitens für alle Unternehmen? «Es gibt sicher einen Typus Mensch, bei dem so viel Eigenverantwortung nicht funktioniert. Wir hatten mal einen Praktikanten, der sich nicht so wohl fühlte. Kontrolle gibt natürlich auch Sicherheit. Aber das merkt man rasch, wenn es nicht passt», erzählt Renato.» «Anonymität kann auch Sicherheit geben», wendet Lorenz ein. Und nach Sofias Erfahrung braucht es eine extragrosse Portion Selbst-Motivation, Leidenschaft und die Fähigkeit, Unsicherheit aushalten zu können, um in einer so offenen, wenig strukturierten Umgebung produktiv zu sein.

Lorenz Bucher (3D Audio Software Architect), Renato Pellegrini (Project Leader AMBEO), Veronique Larcher (Director AMBEO Immersive Audio), Sofia Brazzola (User Experience Manager)

 

**AMBEO steht für 3D Audio-Technologie von Sennheiser. Das Team im Impact Hub ist ein strategisches Innovationsteam, das auf diese zukunftsgerichtete Technologie fokussiert ist. Neben Forschungsarbeit entwickelt und testet es neue Hard- und Software-Produkte im Markt, um innovative Anwendungsbeispiele von 3D Audio für die Nutzer zu entdecken.

 

Nicht einfach nur die kleine Praktikantin

Bei Lisa-Ann Preuss, Gründerin und SEO-Spezialistin von LAPreuss Consulting und ihrer frisch gebackenen Praktikantin Bernadette Scheer, muss ich nicht lange erklären, worum es geht: «Wir teilen uns die Projekte so auf, dass bis zur Deadline alles erledigt ist», erklärt sie, «nicht nach irgendwelchen Hierarchien». Und dies, obwohl Bernadette erst seit drei Wochen im Team ist. «Start-ups faszinieren mich und ich fühlte mich hier vom ersten Tag an wohl», erklärt die Online-Marketing-Spezialistin. Sie kommt direkt von der Uni und kann sich – zumindest zurzeit – nicht vorstellen, in einem Grossunternehmen zu arbeiten. «Wir diskutieren in unserem Team auf Augenhöhe, ich bin nicht einfach nur die kleine Praktikantin, die Kaffee kochen und Gipfeli holen muss», meint sie.

Dass es im Impact Hub viele Möglichkeiten gibt, Menschen zu treffen und etwas zusammen zu machen, finden beide ganz toll. «Es gibt zum Beispiel die Christmas-Party oder Yoga und bald schon können wir wieder zusammen in der Limmat schwimmen», meint Lisa-Ann, «Hier kannst du mehr sein als nur eine Arbeitskraft, du kannst dich mit all deinen Leidenschaften einbringen.» Wichtig ist für sie auch, dass die Work-Life-Balance bei ihren Mitarbeitenden stimmt. So bietet die Gründerin in ihrer Firma bewusst auch zwei Teilzeitstellen für junge Eltern im Bereich Strategie und Analyse an. Lisa-Anns Vater besucht sie manchmal im Impact Hub. Obwohl er in den USA in der sehr traditionellen Finanz-Branche arbeitet, ist er total begeistert. «Er schwärmt richtig vom Kaffeeduft beim Eintritt ins Haus und von den hellen Räumen», lacht sie und meint: «Er arbeitet gerne ab und zu mit einem Tagespass hier und fühlt sich – genau wie ich – pudelwohl.»

Lisa-Ann Preuss, Gründerin LAPreuss Consulting; Bernadette Scheer, Praktikantin

 

 

How can I contribute to make this world more green and fair? After achieving my Master’s Degree in Communications at the University of Lugano (USI) in the year 2011, I was in the perfect mood for new horizons. Hence, I decided to pass on my newly-acquired knowledge with my long-standing
Andrea Holenstein, Communications

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