“Me, Us, All of Us” – Die Community macht von Zürich bis Phnom Penh den Unterschied

Andrea Holenstein · 11 min · 18.11.2017

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Wir lieben unser Co-Manifesto. Aber was genau bedeuten die ganzen Prinzipien? Und wie kann ich diese im Alltag leben? Erklärungsversuche aus dem Impact Hub Zürich Team und unserer Community. Dieses Mal:

„Me, us, all of us. We creat scenarios where everyone wins.“  

Dass die Wertschätzung der Community nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, dafür liefern die Gesprächspartner meiner „November-Tour-de-Hub“ auch gleich Tatbeweise: Sie lassen sich von der Community inspirieren, geben Gratis-Tipps zurück, pflegen Freundschaften, wollen die Menschen mit Sport verändern, spenden Geld oders machen aus einem Hilfsprojekt ein erfolgreiches Start-up wie Codingate in Phnom Penh. Doch sie fragen auch: Können wir mit dem Anspruch, dass alle gewinnen, disruptive Technologien fördern? Und wie stellen wir sicher, dass das „Me“ im Start-up-Fieber und durch die Ansprüche der Community nicht ins Strudeln kommt?

Ein verhangener Novembertag im Viadukt, wo vor rund sieben Jahr die Wiege des Impact Hub Zürich stand. Etwa ein halbes Dutzend Leute sitzt im Bogen E konzentriert am Laptop. Seit der Eröffnung der neuen Arbeitsräume im Colab und im Kraftwerk ist es hier stiller geworden. Wer möglichst ungestört arbeiten möchte, kommt hierher. Darum verwundern mich die vier Körbe, die ich bekomme, auch nicht besonders, als ich um ein kurzes Gespräch bitte: „Leider keine Zeit, grad etwas unter Stress“ und „zu neu hier“, sind die Antworten. Ok – nicht aufgeben, vielleicht klappt’s eine Treppe höher.

 

Lockere Muskeln und ein massgeschneidertes Hochzeitskleid

Im Obergeschoss finde ich Jekaterina Migunova bei der Büroarbeit am Laptop. Obwohl sie demnächst los muss, nimmt sie sich Zeit für ein kurzes Gespräch. „Leben wir hier das Co-Manifesto-Szenario, wo jeder gewinnt, Jekaterina?“ frage ich sie? „Ich denke schon, dass ich zwischendurch auch gewinne und nicht nur gebe“, antwortet sie lachend. Jekaterina bietet mit ihrem Start-up Think-Balance  Büro-Massagen an, seit sie vor einem Jahr aus London nach Zürichgezogen ist. „We care“ hat sie zu ihrem Beruf gemacht. Und das Co-Manifesto, so erzählt sie, hängt an ihrem Kühlschrank. Der Impact Hub habe ihr beim Branding ihres Start-ups sehr geholfen. „Wenn du hier arbeitest, schafft das bei deinen Kunden Vertrauen und du hast einen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern.“ Auch die Community selber finde sie extrem inspirierend, erzählt die trotz Zeitdruck sehr gelassene Masseurin. Das inspirierendste Beispiel sei für sie, dass sie in der IHZ-Community ein Start-up gefunden habe, das ein ganz spezielles Hochzeitskleid für sie herstellen wird. Es besteht aus Einzelteilen, aus denen Jekaterina im „Baukastensystem“ ihr ganz persönliches Traumkleid kreieren kann. Jekaterina wird nämlich nächstes Jahr heiraten.

Jekaterina Migunova, Think Balance

 

Ganzheitliche Fitness-Beratung und ein gutes Leben für die Kids in Afrika

Ist es Zufall, dass es auch Angel um das körperliche Wohlbefinden der Menschen geht? Angel Lazaro Bashile ist im Kongo aufgewachsen, lebte in New York, in Berlin und nun in Zürich. Er ist Personal Trainer und Health Coach. „Sport kann das Leben von Menschen verändern“, ist er überzeugt. Und etwas verändern im Leben der Menschen, das möchte er leidenschaftlich. Seit er einen schweren Unfall hatte, ist ihm das Soziale, sind ihm die Menschen noch wichtiger geworden. „Der Impact Hub hat mir ausserdem gezeigt, dass ich nicht 100 000 Franken brauche, um mein eigenes Start-up aufzubauen“, sagt Angel.“ Er ist seit rund einem Jahr Mitglied. Seine junge Firma heisst Downhill Sports und wird am 5. Dezember online gehen. Sie bietet eine ganzheitliche Beratung für Privatpersonen und Unternehmen. Sport, Ernährung, Lifestyle sowie mentale und psychologische Unterstützung werden auf einer Online-Plattform angeboten, um Körper und Geist gesund und fit zu erhalten – uns alle, all of us. Doch damit noch nicht genug. Angel will sich darüber hinaus für Kinder in sehr bescheidenen Verhältnissen in Afrika einsetzen. Deshalb wird er ab Dezember an verschiedenen Sport Events mit einem anschliessendem Fundraising-Dinner Geld für seine Stiftung „Ghetto Beats“ sammeln. Die Gelder der Stiftung kommen dann Projekten der Organisationen Agua de Vida, A21 und Unicef zugute. „Ich möchte den Menschen etwas hinterlassen, das über mein eigenes Leben hinausgeht“, sagt Angel und lächelt.

Angel Lazaro Bashile, Downhill Sports

 

Everyone wins – auch mit disruptiven Technologien?

„Hallo, störe ich dich?“ Mein Gegenüber isst in Ruhe seine Mandarine fertig und schaut mich gleichzeitig neugierig an. Nach dem letzten Bissen lässt er sich bereitwillig auf ein Gespräch ein. Patrick Kessel, so heisst er, hat Politik und Wirtschaft studiert, war Summerpreneur und ist seit einem Jahr IHZ-Member. Momentan arbeitet er für zwei Arbeitgeber, im Impact Hub für den Swiss ICT Investor Club und im Technopark für das Start-up veezoo, das einen über natürliche Sprache benutzbaren, virtuellen Assistenten für Datenauswertungen und -Visualisierungen entwickelt. Was er nun mit mir bespricht, ist seine eigene Meinung. Patrick gefällt die offene Atmosphäre im Impact Hub, dass es einfach ist, aufeinander zuzugehen. Darum hat er auch seine Masterarbeit im Café Auer geschrieben. „So etwas fehlt im Technopark, wo ich ebenfalls einen Teil der Woche arbeite. Da sitzt jeder in seiner räumlich abgetrennten Wabe. Und es gibt keine Dachorganisation, die Apéros oder Kennenlern-Lunchs organisiert wie im Impact Hub. Dabei wäre dies wichtig, ich schätze die Inputs durch Gespräche hier“, erklärt Patrick.

„Und was bedeutet für dich „Me, us, all of us“, hake ich nach? „Nun, das ist grundsätzlich eine gute Sache, da kann niemand etwas dagegen haben“, meint er, „aber was ist mit den disruptiven Technologien, die wir fördern wollen? Wenn wir ganze Wertschöpfungsketten aufbrechen, dann gibt’s auch Verlierer. Nehmen wir zum Beispiel eine Versicherung. Wenn die Kunden den Versicherungsabschluss einfach und schnell auf einer App vornehmen können, fällt z.B. der ganze administrative Bereich mit vielen einfach auszuführenden Tätigkeiten weg. Vor allem um Menschen in solchen „low skill“-Berufen muss man sich Gedanken machen. Was passiert mit ihnen? Ausserdem werden die menschlichen Interaktionen durch die Technisierung mehr und mehr reduziert. Auch nicht wünschenswert.“ Und Patrick fährt nachdenklich weiter: „Ja, wie machen wir das, dass alle profitieren? Da brauchen wir wohl ein noch ganzheitlicheres Verständnis von „disruptiv“, d.h. wir müssen auch daran denken, wem eine neue Technologie – ungewollt – schadet. “Danke, Patrick für deine kritischen Einwände, das wäre nun der Anfang eines weiteren, interessanten und nötigen Gesprächs, das aber mehr Raum brauchen wird.

Patrick Kessel, veezoo

 

Gebt uns Laptops und wir bringen euer Start-up zum Abheben

Vladimir Nozdak stammt aus Tschechien ist IT-Spezialist, Lehrer und zu Besuch im Impact Hub Zürich. Er arbeitet zurzeit bei der Firma Codingate  in Kambodscha und ausserdem eng mit dem dortigen Impact Hub zusammen. Codingate wurde 2013 in Phnom Penh gegründet und entwickelt interaktive Webapplikationen, bietet aber auch Graphic Design und Social Media Marketing an. Die Geschäftsidee entstand aus dem Projekt „Skill Exchange Laptop“ heraus, wo Studenten für die Entwicklung von technischen Computer-Lösungen statt mit Geld mit Laptops bezahlt wurden, die ihnen bis dahin fehlten. Innert kurzer Zeit konnte nun dank der Laptops eine ganze Reihe begabter Programmierer ausgebildet werden. Mit Unterstützung von Investoren wurde schliesslich Codingate gegründet, der ideale Arbeitsplatz für die frisch gebackenen IT-Spezialisten. Gerade eben, erzählt Vladimir, habe Condingate drei Auszeichnungen erhalten: Start-up of the year, best founder, best med tech application und dazu noch den lokalen Kambodian ICT-Award. Bravo!

Dass die Balance von „We, us, all of us“ wichtig ist, findet auch Vladimir, auch wenn es im Impact Hub Kambodscha kein Co-Manifesto gibt. „Wir möchten mit unserem Unternehmen so viel sozialen Impact wie möglich haben und der Gesellschaft etwas zurückgeben“, erklärt er die Philosophie seines Unternehmens. Soziale Verantwortung sei jedoch in Kambodscha grundsätzlich stark in der Kultur und in den Familien verwurzelt. Da es in Notlagen keine finanzielle Unterstützung durch den Staat gebe, würden die Familie oder allenfalls auch die Freunde einspringen. Für die Gemeinschaft, in der man lebe zu sorgen, sei deshalb ein wichtiger Wert. Etwas schwieriger sei es, für einmal sich und seine Meinung ins Zentrum zu stellen, beispielsweise beim Äussern von Kritik. Vladimir bemüht sich deshalb, bei seinem Team das „Me“ ein bisschen stärker in den Vordergrund zu rücken, um auch offene, konstruktiv-kritische Rückmeldungen geben und von den Teammitgliedern erhalten zu können.

Vladimir Nozdak, Codingate

 

Als Solo-Preneurin sich selber nicht vergessen

Larissa Hämisegger sieht so beschäftigt aus, dass ich schon zum nächsten Tisch weitergehen möchte. Doch auch sie nimmt sich Zeit, um sich mit mir kurz über das Co-Manifesto auszutauschen: „Ich kam vor zwei Jahren als Hubonautin zum Impact Hub Zürich und habe inzwischen mein Start-up Unumondo gegründet. Unumondo ist ein Sprach-Coaching und Integrations-Service. Beim Sprach-Coaching wird (Schweizer) Deutsch von Einheimischen in Situationen der realen Welt vermittelt, statt im Klassenzimmer.“ Erleben statt Pauken heisst Larissas Devise.

Und wie lebt Larissa das Motto „Me, us, all of us“ aus dem Co-Manifesto? „Ich habe zum Beispiel eine schöne Dynamic mit meiner Freundin Melanie Kovacs von Master 21: Wir gehen zusammen durch unsere Ups und Downs – wir sind beide Solo-Preneurinnen und unterstützten uns gegenseitig“, erzählt Larissa. Und gibt’s einen Erfolg zu feiern, tun die beiden dies ebenfalls gemeinsam. Ein starkes „Us“ ist da entstanden, eines das trägt. Doch für Larissa hört es an diesem Punkt nicht auf, sie lebt das „all of us“ ganz bewusst: „Ich helfe, wenn immer ich kann und vernetze auch sehr gerne Menschen miteinander. Und ich bekomme auch Unterstützung zurück.“ Eine win-win-Situation ist für Larissa auch der wöchentliche Yoga-Unterricht für die IHZ-Community, für den sie im Gegenzug die Mitgliedschaft erhält. Ich möchte von ihr trotzdem noch wissen, wo es aus ihrer Sicht vielleicht doch nicht ganz aufgeht. Sie denkt ein bisschen nach, dann meint sie: „Es ist sehr anstrengend, dass von Start-ups vieles einfach gratis verlangt wird. Klar, am Anfang ist es toll, etwas in der Community testen zu können. Aber irgendwann kommt der Punkt, da bist du ein Profi und sollst für deine Dienstleistungen oder dein Produkt auch etwas verlangen dürfen.“ Beim Reflektieren darüber, ab wann man z.B. Geld verlangen soll, könnte die Community noch etwas unterstützender sein, meint Larissa. Ebenso bei der Frage: Gewinne ich als Unternehmerin oder beute ich mich selber aus? Dies früh genug zu merken, damit sei man allein. Der Workshop zum Thema Burnout sei ein guter Ansatz gewesen, hier könnte noch mehr gemacht werden, ergänzt sie.

Larissa Hämisegger, Unumondo

 

How can I contribute to make this world more green and fair? After achieving my Master’s Degree in Communications at the University of Lugano (USI) in the year 2011, I was in the perfect mood for new horizons. Hence, I decided to pass on my newly-acquired knowledge with my long-standing
Andrea Holenstein, Communications

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