Meet the creators: André Golliez von Opendata.ch

Sonja Bichsel · 9 min · 14.01.2019

Sorry, this entry is only available in German.

Verein:  Opendata.ch

Interview mit: André Golliez

 

Das SDG dieses Monats:
Das Ziel für nachhaltige Entwicklung Nr. 16  will bis 2030 friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen.

 

André Golliez, Jahrgang 55, trägt mit seinen jungen 63 Jahren einen ganz besonderen Weitblick in die Impact Hub Zürich Community. Seit gut 40 Jahren ist er in der Informatik tätig und hat zuletzt als Berater für IT Strategie und Governance Themen gearbeitet. Seit 9 Jahren lanciert er in der Schweiz zwei Themen, die unsere Gegenwart und Zukunft massgeblich mitprägen – Open Data und My Data. Wir wollten von ihm wissen, wieso Open Data für eine offene und diverse Gesellschaft so wichtig ist.

 

André, seit wann beschäftigst Du Dich mit Open Data?

Von Open Data habe ich das erste Mal vor knapp 9 Jahren bei einer Konferenz gehört und habe mich gewundert, dass in der Schweiz niemand etwas zu dem Thema macht. Danach habe ich angefangen, die Open Data Bewegung in der Schweiz aufzubauen. Unser Verein, Opendata.ch, basiert weitgehend auf Freiwilligenarbeit. Ich versuche im Rahmen des Vereins auch noch beratend tätig zu sein, was teilweise auch geglückt ist, aber nicht vollamtlich.

 

Warum ist Open Data ein so wichtiges Thema?

Open Data ist deshalb wichtig, weil Daten etwas sind, das man teilen kann und sie inzwischen für alle Lebensbereiche relevant sind. Mir war das Thema Open Data sofort sympathisch, weil ich gesehen habe, dass hier zwei Dinge zusammenkommen, die für die Zukunft der digitalen Gesellschaft wichtig sind: IT und Gesellschaftspolitik. Der Grundgedanke von Open Data ist, dass Daten der Gesellschaft und Öffentlichkeit zur Verfügung stehen sollten, sofern die Öffentlichkeit berechtigten Anspruch auf diese Daten hat. Das gilt grundsätzlich für alle Daten, für die mittels Steuergelder bereits bezahlt worden sind. Darüber hinaus schließt das auch jene gesellschaftlich relevanten Daten ein, die bei Privatfirmen zu Hause sind. Zum Beispiel Fahrpläne von Transportunternehmungen oder Produktinformationen von Lebensmittelproduzenten. Um Missverständnisse zu vermeiden, ist aber auch zu erwähnen, dass personenbezogene Daten grundsätzlich vom Anspruch auf Open Data ausgeschlossen sind. Ebenso andere Daten, welche von Rechts wegen zu schützen sind, z.B. durch das Urheberrecht oder wenn es um Daten handelt, die für unsere Sicherheit relevant sind.

 

Das klingt nach einem zutiefst demokratischen Anspruch.

Das ist in der Tat ein demokratischer und damit gesellschaftspolitischer Anspruch. Demokratische Prozesse basieren auf dem Austausch frei zugänglicher Informationen, die die Meinungsbildung fördern und in der transparenten Darstellung von öffentlichen Institutionen und dessen was Politiker und Beamte im Rahmen ihrer Arbeit tun.

 

Welche Rolle kann Open Data in der Förderung einer diversen Gesellschaft, wie sie auch im Rahmen von SDG 16 Inclusive Societies angestrebt wird, erfüllen?

Der Anspruch von Opendata.ch und der Swiss Data Alliance ist vielleicht noch grundsätzlicher als das Fördern von Diversität. Daten sind eine Ressource und Teil der öffentlichen Infrastruktur. Mit ihnen sind wichtige Fragen verknüpft, wie Daten zugänglich sind, wer aus ihnen Nutzen zieht, wer damit was machen darf und wie man verhindern kann, dass Daten manipuliert oder missbraucht werden können. Das sind alles Schlüsselfragen, wenn es um das Schaffen einer egalitären Gesellschaft geht. Wir haben wirklich ein Problem seit der Erfindung des Webs durch Tim Burners Lee vor 30 Jahren. Dass sich die Datenkontrolle und Verfügbarkeit bei einigen, wenigen Plattformen konzentriert, war nicht Sinn und Zweck des Webs und die grosse Frage ist – wie ändern wir das?

Darauf versuchen wir als Verein eine Antwort zu geben, aber wir sind erst ganz am Anfang. Wenn uns etwas an einer fairen, digitalen Gesellschaft liegt, brauchen wir Antworten und die müssen aus der Zivilgesellschaft kommen und auf die politische Ebene getragen werden und in die Wirtschaft. Von alleine wird sich nichts ändern, denn der Netzwerkeffekt führt zu den Machtkonzentrationen, wie wir sie jetzt sehen und das ist beunruhigend und gefährlich.

 

Daten sollten also öffentlich zugänglich sein, sind es aber nicht immer. Woran liegt das?

Der wichtigste Grund in der Schweiz ist, dass eine gesetzliche Grundlage für die Publikation von Daten fehlt. Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung für Verwaltungen oder verwaltungsnahe Unternehmen, wie die SBB oder Swisscom, dass und wie sie ihre Daten publizieren sollen. Inzwischen gibt es aber auch dank unserer Arbeit einige Open Data Portale und Open Data, die frei genutzt werden können. Diese Publikationen beruhen auf bereits vorhandenen Möglichkeiten ohne spezifische gesetzlich verpflichtende Grundlagen. Verwaltungen sind dazu verpflichtet, gewisse Informationen über ihre Tätigkeiten zu veröffentlichen und einige Teile der Verwaltung machen das schon sehr vorbildlich auch ohne Vorlage, wie zum Beispiel die Statistikämter, Geodatenämter, das Bundesamt für Umwelt oder auch die SBB.

 

Welchen Stellenwert räumt die Schweizer Regierung dem Thema Open Data ein?

Es gibt eine Open Government Data (OGD) Strategie des Bundes, an der ich mitschreiben durfte. Die erste Strategie deckte die Jahre 2014-2018 ab, die neue OGD-Strategie die Jahre 2019 bis 2023. Allerdings sind bundesrätliche Strategien Absichtserklärungen, die weit weniger verbindlich sind als Gesetze und Verordnungen. Was genau umgesetzt wird, liegt im Ermessen der einzelnen Ämter und Institutionen. Es gibt einen Prüfbericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle, der untersucht hat, was im Bereich Open Government Data eigentlich bereits umgesetzt wird und da gibt es große Unterschiede. Es gibt sehr engagierte Ämter und solche, die gar nicht wissen, dass es so eine Strategie überhaupt gibt und die auch keine Absicht haben, sich damit zu befassen. Der Grund dafür liegt meist in Unwissenheit, fehlenden Ressourcen und der Angst vor negativen Konsequenzen. Wer Daten publiziert, gibt etwas aus der Hand. Das schürt die Angst vor eventuellem Kompetenzverlust und negativen Folgen für die eigene Arbeit und Stellung. Mit veröffentlichten Bits alleine lässt sich noch wenig anfangen. Man muss den Entstehungskontext und die Struktur von Daten verstehen und deuten können. Das sind alles fachliche Kompetenzen, die Beamte in ihrem Umfeld haben und daher zögern viele Beamte, ihre Daten herzugeben.

 

Was braucht es Deiner Meinung nach, dass sich das in Zukunft ändert?

Wenn man will, dass es mit Open Government Data vorangeht, braucht es Verbindlichkeit, aber auch einen Kulturwandel. Man muss die Leute davon überzeugen, dass das Publizieren von Daten nicht nur eine Bedrohung ist. Klar gibt man Kompetenzen auf, aber das ist auch eine Chance mit Leuten ins Gespräch zu kommen und kluge Köpfe via Hackdays zu mobilisieren, die mit den Daten etwas anfangen können. Dadurch entsteht eine Bereicherung für alle. Auch muss man zeigen, dass aufgrund von Open Data keine Jobs bedroht sind. Das alles findet momentan leider nur sehr wenig oder gar nicht statt.

 

Gibt es Beispiele, mit denen Du den Mehrwert von Open Data gut demonstrieren kannst?

Das beste und bekannteste Beispiel für Opendata ist GPS. GPS ist ein datenproduzierendes System von Satellitenpositionierungen, dass wir alle frei und offen benutzen dürfen. Ursprünglich war es ein proprietäres System des Verteidigungsdepartments in den USA und wurde unter Präsident Bill Clinton dann erstmals öffentlich publiziert.

Ein weiteres Beispiel ist der Code des Human Genome, der auch vor etwa 20 Jahren publiziert wurde. Der gesamte Genomsatz ist öffentlich und frei verfügbar, um wissenschaftliche und medizinische Studien durchzuführen und Medikamente und Therapien zu entwickeln.

 

Auf welches Projekt bist Du im Rahmen von Opendata.ch besonders stolz?

Wir waren in der Schweiz die ersten, die Hackdays organisiert haben. Bei einem der ersten, sehr erfolgreichen Hackdays in der Schweiz waren Daten aus dem öffentlichen Verkehr das Thema und wir haben zusammen mit Kollegen aus der Technik der SBB die Fahrplandaten zugänglich gemacht. Es war nicht so schwierig eine API für den Zugriff auf Fahrplandaten zu entwickeln und die Firma Ubique hat dann auf Basis dieser Daten eine App entwickelt, die inzwischen sehr bekannt ist: der Touch Fahrplan. Man kann auf dem Touch Fahrplan Abfahrts- und Zielort anhand von Bildern mit einer Fingerbewegung verbinden und erhält dann die passenden Verbindungen mit Abfahrts- und Ankunftszeiten und das alles ohne mühsames Eintippen. Irgendwann hat die SBB gemerkt, dass das wahrscheinlich doch die beste Fahrplanapp ist, hat sie von der Firma Ubique gekauft und in die SBB App integriert. Opendata.ch hat also mit der Entwicklung der App ausserhalb des Unternehmens eine Innovation ermöglicht. Und Innovation hat diesem Unternehmen geholfen, seine Dienstleistung zu verbessern. Das Beispiel demonstriert wie Open Data funktioniert – Daten publizieren, Entwicklungen zulassen und davon auch als Unternehmen profitieren. Es gibt x solcher Beispiele, die zeigen, dass Open Data nicht nur eine Verpflichtung für die Verwaltungen ist, sondern sie so auch zu Innovationen kommen können.

 

Gibt es etwas, das die Öffentlichkeit über Open Data wissen sollte, es aber nicht weiss?

Für die breite Bevölkerung ist Open Data wahrscheinlich weniger ein Thema, weil ihr Zugang zu Daten über Apps und Devices läuft. Direkt betroffen sind eher Leute, die professionell etwas mit Daten machen – das sind in der Regel InformatikerInnen, SoftwaredesignerInnen, User InterfacedesignerInnen. Dennoch ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit Anspruch auf diese Daten hat und unser Anliegen auch teilt. Das ist dann nur leider etwas schwieriger zu vermitteln.

Auch deshalb habe ich in den letzten Jahren mit dem Thema My Data, ein zweites Thema lanciert. Bei Open Data sprechen wir immer von Daten, die nicht personenbezogen sind und auf die die Öffentlichkeit einen Anspruch hat. Das ist in der Vergangenheit oft verwechselt worden und hat Ängste davor geschürt, dass Open Data das Veröffentlichen aller Daten anstrebt. Dem ist natürlich nicht so. Was jeden Einzelnen betrifft, sind persönliche Daten und die fallen wie bereits erwähnt nicht unter Open Data. Bei My Data geht es in erster Linie also um Fragen des Datenschutzes und der Datennutzung und wer aus diesen Daten einen Mehrwert ziehen kann. Die Welt ist diesbezüglich nicht sehr ausgeglichen. Es gibt einige wenige Unternehmen, die enorm von persönlichen Daten profitieren wie Facebook und Google, und die breite Masse, die ihre Daten zur Verfügung stellt und ein bisschen Spass und Funktionalität im Gegenzug erhält, aber nicht mehr.


Welche Ziele strebt ihr zum Thema My Data an?

Vor zwei Jahren haben wir einen neuen Verein gegründet, die Swiss Data Alliance, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Datennutzung in der Schweiz zu verbessern und zu schauen, dass nicht nur offene Daten zur Verfügung stehen, sondern auch personenbezogene Daten dem Individuum, der einzelnen Person einen Nutzen bringen. Ein weiteres Ziel ist es, die Datennutzung zwischen Organisationen, Unternehmungen, Verwaltungen, Universitäten und Forschungsinstitutionen zu fördern und mit den Daten etwas Konstruktives zu machen – natürlich unter Respektierung der Ansprüche des Einzelnen und der Allgemeinheit im Sinne von Open Data und der Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen und ethischen Grundlagen.

Die Swiss Data Alliance ist im Gegensatz zu Opendata.ch, eine Communityvereinigung mit ein paar hundert AktivistInnen, gewissermassen ein Wirtschaftsverband, bestehend aus Wirtschaftsverbänden, wie asut (Branchenverband der Telekommunikation) oder Swico (Verband der IT Hersteller) und grösseren Wirtschaftsunternehmen wie IBM, AXA, Accenture und einigen Startups.

 

Was kannst Du als alter Gründungshase uns Jungspunden im Impact Hub auf den Weg mitgeben?

Das wichtigste ist, ein Tätigkeitsfeld zu finden, für das man sich wirklich begeistern und engagieren kann und da keine Kompromisse zu machen. Das ist nicht immer möglich und ganz klar ein Privileg. Aber wir haben viele Möglichkeiten und die sollte man nutzen, insbesondere dann, wenn man noch nicht ganz so fest in soziale Verpflichtungen eingespannt ist und freie Kapazitäten hat. Weiterhin finde ich es wichtig, Chancen wahrzunehmen, die nicht unmittelbar entschädigt werden oder immer gleich den nächsten Schritt auf der Karriereleiter einbringen, stattdessen aber viel Befriedigung, in dem was man tut mit sich bringen oder in der Interaktion mit Leuten, im Austausch mit der Community und der Gesellschaft. Also nicht immer nur dem Business Case den Vorrang geben, dafür bin ich kein gutes Beispiel, sondern zu sehen, wo ist mein Herzblut – das sollte als erstes kommen.

I am a storytelling and communications professional. I support entrepreneurs in the field of innovation, arts and education to put their thoughts into words and express what they contribute to clients, organizations and society with clarity and focus. One conversation at a time we prioritize w...

Sonja Bichsel, Storytelling, Communications, Civic participation, Education & Coaching

bichsel@gmail.com

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