Meet the creators: Simone Nägeli und Gregor Martius von GemüseAckerdemie

Sonja Bichsel · 7 min · 02.07.2018

Sorry, this entry is only available in German.

 

Verein:  GemüseAckerdemie

Interview mit: Simone Nägeli und Gregor Martius

Stage: Expansionskurs in  DACH-Region

 

Das SDG dieses Monats:
Das Ziel für nachhaltige Entwicklung Nr. 2 will den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.

 

Simone, Gina und Gregor von der GemüseAckerdemie (Foto: © Innes Welbourne)

 

An einem sonnigen Nachmittag im Mai beglücken mich Simone und Gregor mit einem Bohnensetzling und erklären mir, wie sie mit der GemüseAckerdemie und viel Leidenschaft, Kindern und Lehrern/-innen die Möglichkeit geben, Gemüse Gurus zu werden – Nachmachen auch auf dem eigenen Balkon erwünscht!

 

Gregor und Simone, was ist denn die GemüseAckerdemie?

Gregor: Mit der GemüseAckerdemie wollen wir erreichen, dass es für Schulen genauso selbstverständlich wird, einen GemüseAcker zu haben, wie einen Sportplatz oder einen Computerraum.

Simone: Um das zu erreichen, bieten wir ein einjähriges Bildungsprogramm für Schulen an, bei dem Kinder während der Unterrichtszeit ihren eigenen Gemüse-Acker bepflanzen. Begleitend stellen wir Bildungsmaterialien zur Verfügung und führen Fortbildungen für die Lehrer/-innen durch. Das Programm selbst ist eingeteilt in Vorackerzeit, Ackerzeit und Nachackerzeit. In der Vorackerzeit, in der draussen noch nichts wächst, nehmen die Lehrer/-innen im Klassenzimmer auf Basis unserer Lehrer- und Schülerhefte theoretisch durch, wie Gemüse angebaut wird: wie ein intakter Boden funktioniert und was Pflanzen brauchen, damit sie überhaupt wachsen können. Ab April beginnt die Ackerzeit, während der die Kinder jede Woche 2 Schulstunden auf dem Acker verbringen.

 

Lehrerinnen mit ihren Schülerinnen und Schüler bei Gemüsenabau (Foto: © Innes Welbourne)

 

Wie integriert ihr die GemüseAckerdemie in den Schulbetrieb?

Gregor: Das Programm wird fix in den Stundenplan eingeplant. Die Lehrer/-innen können die GemüseAckerdemie direkt in das Fach Mensch und Umwelt einbinden und unsere Bildungsbausteine das ganze Jahr verwenden. Nachdem der Acker abgeerntet ist, beginnt die Nachackerzeit, dann gehen die Schüler/-innen wieder ins Klassenzimmer und nehmen einen weiteren theoretischen Bildungsbaustein durch, bei dem es um globalen Konsum und die gesamte Wertschöpfungskette geht.

 

Mit welcher Unterstützung könnt ihr den Lehrerinnen und Lehrern während des Programms unter die Arme greifen?  

Simone: Wir achten darauf, dass die Lehrer/-innen an drei Fortbildungen teilnehmen können und der Garten immer gut bestückt ist. Ausserdem bekommen Lehrer/-innen und Schüler/-innen jede Woche Ackerinfos zugesendet, die wichtige Infos für den Acker beinhalten, wie zum Beispiel: “Hey, diese Woche wird es heiss, ihr müsst unbedingt kräftig giessen.” Damit wird das Projekt dann auch für die Lehrer/-innen machbar, die vielleicht noch keine Garten-Erfahrung haben oder keinen besonders grünen Daumen.

 

Hier werden Radieschen gewässert, damit man sie einfacher rauszupfen kann (Foto: © Innes Welbourne)

 

Wirkung wird bei Euch gross geschrieben, wie messt Ihr die Wirkung Eurer Programme?

Simone: Wir erheben, wie sich die Wahrnehmung der Kinder von Lebensmitteln und Pflanzen verändert: ob sich die Wertschätzung der Kinder für Nahrungsmittel und ihr Essverhalten ändert und wie gut sie den natürlichen Wachstumsprozess nach dem Ackerjahr kennen. Dazu machen wir vorher und nachher Befragungen und arbeiten mit Kontrollklassen, die die gleichen Themen nur theoretisch in der Schule durchnehmen.

Gregor: Die Lehrer/-innen sind oft erstaunt, wie viel die Kinder sich durch die Arbeit auf dem Gemüse-Acker aneignen, ohne dass die Theorie überhaupt durchgenommen worden ist. Durch die Praxis wird das Fundament für ein Grundverständnis gelegt und daran können die Lehrer/-innen dann mit der Theorie anknüpfen.

 

Alles unter Kontrolle auf dem Beet (Foto: © Innes Welbourne)

 

Wie kommt das Programm bei Kindern und Lehrerinnen und Lehrern an?

Simone: Bisher waren Lehrer/-innen und Schüler/-innen ganz begeistert. Ein Teil der Kinder, die letztes Jahr noch keinen Zugang zum Garten und keinen Bezug zu Pflanzen hatten, war zuerst zurückhaltend. Wir hören dann Kommentare wie:”Iii das ist ja Erde, da hat es Würmer drin.” Spätestens nach dem dritten Pflanztermin merkt man dann, wie die Kinder anders mit dem Thema umgehen.

Gregor: Während der Ackerzeit lernen die Kinder, wie viel Arbeit und Pflege zum Beispiel in einem Rüebli steckt. Heute ist alles so extrem kurzlebig und wenn die Kinder dann über Monate hinweg auf dem Acker arbeiten und dann das Rüebli aus dem Boden ziehen und reinbeissen können – das ist etwas ganz Besonderes. Man kann ihnen die Freude und den Stolz am Gesicht ablesen.

 

Konzentriertes Zusammenarbeiten (Foto: © Innes Welbourne)

 

Gibt es auch “Geschmacks-Kommentare” zum selbst angebauten Gemüse?

Simone: Ja, insbesondere auch Vorbehalte gegenüber Gemüse, das die Kinder nicht so oft essen, wie etwa Mangold. Wir bauen Mangold in unterschiedlichen Farben an, das hilft schon mal dabei, ihn den Kindern schmackhaft zu machen. Wir legen auch Wert darauf, dass es einen aktiven Austausch darüber gibt, was die Kinder mit dem Gemüse gekocht haben, dass Rezepte ausgetauscht werden. Wenn sie dann am Ende etwas immer noch nicht mögen, haben sie es zumindest probiert und wissen, wie man es verwenden kann.

Gregor: Unser Ziel ist auch, dass die Kinder ihren Horizont erweitern. Wir bauen etwa alte Sorten wie Pastinaken oder Schwarzwurzeln an, die weniger geläufig sind und die es im Supermarkt selten gibt. Dadurch wollen wir die Vielfalt im Gemüsebeet und auf dem Teller fördern.

 

Knackige Radieschen vom eigenen Gemüsebeet (Foto: © Innes Welbourne)

 

Ist der Ackerunterricht nicht extrem viel Aufwand für die Lehrer/-innen?

Gregor: Das ist ein wichtiger Punkt: Zeit ist für Lehrpersonen oft ein knappes Gut und sie haben keine Kapazität für zusätzliche Projekte. Deshalb integrieren wir die GemüseAckerdemie nahtlos in den Schulbetrieb und entlasten die Lehrer/-innen mit der gesamten Planung und Organisation. So haben die Lehrpersonen auch einen Ansprechpartner während des Programms. Über den Unterricht hinaus müssen sie sich also nicht um Organisatorisches kümmern und können Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es ein Problem gibt.

 

Ein neues Bewusstsein für die Natur entwickeln (Foto: © Innes Welbourne)

 

Kommt ihr auch persönlich auf dem Acker vorbei, um zu helfen?

Simone: Bei Bedarf kommen wir gerne vorbei. Bei der zweiten Lehrerfortbildung im Mai gehen wir mit den Lehrerinnen und Lehrern auf einen der Äcker und befassen uns vor Ort mit Themen wie Pflege des Ackers oder Schädlinge. Bei den drei Pflanzterminen auf dem Acker können wir auch nochmals kontrollieren, ob der Garten gut im Schuss ist, und bei Bedarf korrigierend eingreifen.

 

Gehen die Kinder ausserhalb des Unterrichts auch noch auf den Gemüseacker?

Gregor: Ja, die Lehrer/-innen erzählen uns, dass die Kinder auch ausserhalb der Schulzeit ab und zu auf dem Acker vorbeischauen. Das Engagement für den Gemüse-Acker zeigt sich dann erst richtig in den Sommerferien. In Zürich hat es sehr gut geklappt, Schülerteams zu bilden, die sich die Betreuung des Ackers mittels Doodle aufgeteilt haben. Die Schüler/-innen haben sich dann freiwillig um den Acker gekümmert und sind zusammen dorthin gegangen zum Giessen, Ernten und Häcklen.

Simone: Lustigerweise finden die Schüler/-innen Häcklen ganz toll. Unkraut-Jäten ist nicht sonderlich beliebt, aber zu schauen, dass der Boden körnig bleibt, machen sie gern. Beim Giessen muss man sie eher ein wenig zurückhalten, sonst gibt es ein Schlammbad.

 

Nicht alle Arbeiten sind gleich beliebt bei den Schülerinnen und Schüler (Foto: © Innes Welbourne)

 

Helft ihr den Schulen auch einen Acker zu finden?

Simone: Ja, auf jeden Fall. Meistens haben die Schulen in der Stadt keine brachliegenden Flächen mehr, weil sie schon längst umgebaut sind, als Parkplatz oder Schulhof. In der Stadt braucht die Schule dann allenfalls noch finanzielle Unterstützung, um die Fläche wieder in Stand zu setzten, zum Beispiel von einem lokal ansässigen Unternehmen.

 

Wissen, was wo angepflanzt ist (Foto: © Innes Welbourne)

 

Wie weit entfernt sind die Äcker von den Schulen?

Gregor: Wir schauen, dass die Flächen im Umkreis von 10 bis 15 Minuten zu Fuss erreichbar sind. Die Flächen sind auch ganz unterschiedlich gross, zwischen 50 bis 150 Quadratmetern, vom kleinen Schulgarten bis hin zu grossen Äckern, die dann auch die Schulkantine beliefern können.

 

Wir finanziert sich die GemüseAckerdemie?

Simone: Die Schulen zahlen einen Eigenanteil am Programm und den Rest finanzieren wir über Stiftungen, die sich im Bereich Ernährung, Gesundheit, und nachhaltiger Konsum engagieren. Das Fundraising ist gut angelaufen und das Konzept stösst auf offene Ohren.

Gregor: Unser Vorteil ist, dass wir mehrere Stiftungsziele bedienen. Unser Projekt hat so viele Facetten: Wertschätzung der Natur, gesunde Ernährung, Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es gibt mehrere Fixpunkte, mit denen sich Stiftungen identifizieren können.

 

Wie lange gibt es die GemüseAckerdemie in der Schweiz?

Gregor: Wir als Schweizer Ableger sind seit einem Jahr als Verein eingetragen, sind aber bereits in unserer zweiten Ackersaison. In Deutschland gibt es die GemüseAckerdemie bereits seit 2013.

 

Gartenarbeit macht Spass! (Foto: © Innes Welbourne)

 

Was ist eure grösste Herausforderung?

Gregor: Für das Projekt selbst ist es die Skalierbarkeit. Damit es nicht so personalintensiv ist, versuchen wir die Durchführung von uns zu entkoppeln und Strukturen zu schaffen, um mit einem kleinen Team möglichst viele Schulen bedienen und national agieren zu können.

Simone: Die Verankerung in den Schulen ist auch eine Herausforderung. Das Projekt 4-5 Jahre durchzuführen ist gut machbar. Schwierig wird es aber, wenn die Schulleitung oder viele Lehrer/-innen wechseln.

Gregor: Eine weitere grosse Herausforderung für uns ist natürlich die Sicherstellung der nachhaltigen Finanzierung der Organisation. Da die Schulen nur einen Teil der Kosten tragen können, sind wir auf langfristige Förderpartner angewiesen.

 

Was kann die ImpactHub Community für euch tun?

Gregor: Für die nächste Ackersaison haben wir noch 8 freie Plätze und wer interessierte Lehrer/-innen oder Schulen kennt, kann sich gerne bei uns melden. Weiterhin sind wir auf der Suche nach Partnern und auch Gönnern, die sich zusammen mit der GemüseAckerdemie für nachhaltige Bildung und einen Nachhaltigen Umgang mit der Natur engagieren wollen.

 

Auch Unkraut schleicht sich aufs Gemüsebeet – hier eine Walnuss (Foto: © Innes Welbourne)

 

Abschliessende Anmerkung der Autorin: Der Bohne, die Simone und Gregor mir zum Interviewtermin mitgebracht haben, geht es auf meinem Balkon inzwischen hervorragend. Sie hat sich gut eingelebt und klettert mit 4 anderen Bohnen um die Wette.

 

 

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Sonja Bichsel, Storytelling, Communications, Civic participation, Education & Coaching

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