Meet the creators: Kiki von Green Advance

Sonja Bichsel · 01.04.2019

Stiftung:  Green Advance

Interview mit: Kiki von Green Advance

 

Das SDG dieses Monats:
Das Ziel für nachhaltige Entwicklung Nr. 15 fordert den Erhalt, die Wiederherstellung und nachhaltige Nutzung von Ökosystemen. Bis 2030 will das Ziel 15 weltweit die Wiederaufforstung erhöhen, die Wüstenbildung bekämpfen, die Artenvielfalt schützen und dabei die Wilderei und den Handel mit geschützten Pflanzen- und Tierarten beenden.

Kiki mit ihrem Hund Helga – Foto: Luis Laugga

 

Wildbienen fördern ist nicht schwer. Aber woher weiss ich, welche Wildbienenarten es überhaupt vor meiner Haustüre gibt und welche Blüten sie besonders schmackhaft finden? Kiki und Peter von Green Advance wollen genau diese Frage beantworten. Mit einem Team aus Ökologie- und IT-ExpertInnen und dem Projekt FuturePlanter sorgen sie dafür, dass die Auswahl in Zukunft zum Kinderspiel wird.

 

Mit dem Projekt FuturePlanter beschäftigt sich Green Advance mit dem Schutz der Artenvielfalt von Wildbienen. Was macht ihr anders als andere Organisationen?

Die Wildbienenproblematik ist in Fachkreisen weitgehend bekannt und dringt nun vermehrt auch zur Öffentlichkeit durch. Aber die bisherigen Vorschläge, Wildbienen zu fördern, sind recht generell und werden nach dem Giesskannenprinzip verfolgt: zum Beispiel einen Naturgarten anzulegen oder Wildstauden zu pflanzen. Unter Umständen verpasst man so genau die Förderung spezialisierter und bedrohter Arten am jeweiligen Standort.

 

Wie helft Ihr begeisterten Balkon- Fenster- und sonstigen Gärtnern und Gärtnerinnen die Auswahl ihrer Wildpflanzen zu treffen?

Wir entwickeln eine Webseite, auf der man eingeben kann, wo man wohnt, was für Pflanzmöglichkeiten man hat und welche Exposition der Platz hat (wieviel Sonne und Schatten etc.). Wir speisen die Datenbank mit Informationen über das Wildbienenvorkommen. Der Nutzer erhält dann das Profil ausgesuchter Wildbienen an seinem Standort und eine Liste der entsprechenden Wildpflanzen. Es gibt Wildbienen, die im Extremfall auf nur eine einzige Wirtspflanze spezialisiert sind. Fördert man diese, profitieren die weniger wählerischen Arten auch davon. Umgekehrt gilt das oft nicht.

Nachdem FuturePlanter die Auswahl vorgeschlagen hat, zieht man im besten Fall gleich mit der Liste los, kauft die entsprechenden Pflanzen und setzt sie auf den Balkon, in einen Topf, Garten oder einfach dahin, wo man in der Nachbarschaft Platz findet. Die Plattform wird am 1. Juni live geschaltet und ist dann für die Öffentlichkeit zugänglich.

In einem Jahr sollte die Plattform soweit sein, dass man die Pflanzen direkt über eine Gärtnerei bestellen kann. Auf einer Karte wird dann getagt, was wo angebaut wurde. So können wir im Nachhinein verfolgen, wie sich das Projekt entwickelt und welche Pflanzen angebaut wurden. Im Idealfall kann man dann auch solche fördern, die zuvor weniger angebaut worden sind, die lokalen Bienen aber in Freude versetzen würden.

 

Wie seid ihr auf die Projektidee gekommen?

Ich habe für Peter Meyer, den Gründer von Swiss Advance einen Naturgarten in der Nähe von Interlaken angelegt. Ich bin weder Biologin noch Entomologin. Ich gärtnere einfach gerne. Der Naturgarten, den ich angelegt habe, ist mit 1000 Quadratmetern recht gross und beheimatet heute etwa 250 Pflanzenarten. Sie sind alle so ausgesucht worden, dass sie dem Standort entsprechen und die Fauna fördern. Dabei hat sich mir jedoch die Frage gestellt, fördere ich auch wirklich das, was an diesem Standort Schutz braucht? Für einen Laien ist es sehr komplex bis unmöglich, darauf Antworten zu finden.

 

Dir ist also übers Ausprobieren und Beobachten klar geworden, dass hier Bedarf besteht.

Über das Anlegen des Naturgartens und meine Recherche ist mir klar geworden, wie wichtig Wildbienen für das Ökosystem sind. Sie übernehmen einen enormen Anteil der gesamten Bestäubungsleistung. Honigbienen, die in den letzten Jahren viel mehr Aufmerksamkeit bekommen haben, sind genau eine domestizierte Art und ein Nutztier. All die anderen Bienenarten leisten eigentlich viel effizientere Bestäubungsleistungen. Doch nur um das sollte es uns nicht gehen. Unsere Abhängigkeit von der natürlichen Bestäubung ist zwar klar und gegeben. Jedoch glaube ich, dass der Sinn vom Schutz der Artenvielfalt über das hinausgehen sollte. Stell dir mal vor, wir Menschen würden auch alle über einen Kamm geschert und rein nach unserer Arbeitsleistung beurteilt werden. An diesem Gedanken würden wir uns sofort zu Recht empören.

Die Artenvielfalt in der Natur spiegelt ein Stück weit auch die Einzigartigkeit wider, die wir uns selbst gerne zugestehen.

Ich glaube, die Menschen erkennen langsam, dass eine Förderung der Biodiversität nötig und wichtig ist. Aber viele fühlen sich wie ich damals: ohnmächtig und überfragt. Das Projekt schliesst Wissenslücken, die ich beim Anlegen des Gartens noch hatte. Es bildet eine Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Datenbasis und dem Engagement von Privatpersonen.

 

Wie steht es um die Biodiversität in der Schweiz?

Entgegen der geläufigen Meinung ist die Situation leider sehr ernüchternd. So liegt die Schweiz im OECD Vergleich beim Schutz der Artenvielfalt weit unter dem Durchschnitt.

Als wir das herausgefunden haben, haben wir uns immer mehr betroffen gefühlt und gedacht, dass man da mehr machen müsste. So ist die Idee mit der Stiftung entstanden. Ich habe dann im Januar einen Monat lang intensive Recherche betrieben. Ich wollte wissen, ob es überhaupt noch etwas gibt, das man selbst anpacken kann oder ob man besser ein bestehendes Projekt unterstützt. Gegen Ende meiner Recherche bin ich dann auf die Idee für FuturePlanter gekommen.

Wir haben uns entschieden, den Fokus auf den urbanen Raum zu legen, da hier die öffentliche Hand weniger stark tätig wird als in ländlichen Gebieten und das Potential der Crowd, also uns allen, enorm ist. In der Schweiz haben wir über 600 verschiedene Arten von Wildbienen. Davon sind allein in Zürich fast 200 zu finden, auch viele seltene Arten.

 

Man sagt, dass die Biodiversität gerade auch in den Städten ansteigt. Ist das in Bezug auf die Wildbienen in Zürich ebenfalls so?

Grundsätzlich ist es schon so, dass unsere Stadt beeindruckend artenreich ist. Für Zürich gibt es auch eine gute Datenlage und Studien, die das belegen. Aber für die meisten Städte ist der Bestand oft komplett veraltet. Manche sind 20 Jahre alt. Wir wollen die zuständigen Stellen dazu anregen, Bestandsaufnahmen vornehmen zu lassen. Nur dann ist es möglich, die nötigen Vergleiche anzustellen und zu sehen wie sich die Sache entwickelt.

 

Was ist Eure Vision für die nächsten 5 bis 10 Jahre?

Ich würde es gerne sehen, dass wir grössere Siedlungsräume, also alle Städte über 10.000 Einwohner im FuturePlanter mit aufnehmen. Das beinhaltet dann auch die Inventarisierung der Wildbienenarten in diesen Städten. Ich möchte eigentlich, dass jeder, der das möchte, aktiv Artenschutz betreiben kann. Das jeder Balkon und Garten blüht und summt.

Am schönsten wäre es für uns natürlich, wenn aus dem Projekt ein lebenspendendes Netzwerk wachsen würde. Vielleicht hast du ja nur Zeit oder das Geld für einen Blumenkübel, aber wenn die Nachbarn das gleiche machen und die im Haus gegenüber auch, könnten sich über das Projekt vereinzelte Populationen verbinden. Auch wollen wir bald neben den Wildbienen – dort wo es Sinn macht – weitere Arten einbinden.

Langfristig hoffe ich jedoch auch, dass wir als Gesellschaft die Situation als Ganzes in den Griff bekommen. Wenn sich zum Beispiel die Praktiken in der Landwirtschaft (also auch unsere Konsumgewohnheiten) entsprechend verändern, können die Arten, die wir schützen, vielleicht ausströmen und sich ihren Lebensraum zurückerobern. Für viele Insekten ist die Stadt schlussendlich auch nur ein Rückzugsort.

 

Woher kommt deine Passion für das Thema Biodiversität?

Ich hatte schon immer einen Zugang zu dieser kriechenden, blühenden und wachsenden Welt. Ein Grund, warum Peter Meyer mich gefragt hat, den Naturgarten für ihn anzulegen war, dass ich unter anderem eine Wildkräuter-Ausbildung gemacht habe. Ich habe mich schon immer für Unkraut interessiert und mich auch schon mit Insekten beschäftigt. Früher allerdings eher damit, wie man essbare Insekten züchten kann. Und dann hat bis zu einem gewissen Grad der Zufall mitgespielt. Zuvor habe ich mich mit Flüchtlingshilfe beschäftigt. Ganz allgemein setze ich meine Skills und meine Energie am liebsten für Projekte ein, die gemeinnützig sind. Ich kann mich für viele Themen begeistern, wenn ich mich einarbeite. Durch die Arbeit im Naturgarten war ich schon so tief drin, dass es eine ganz natürliche Weiterentwicklung war, mich ganz der Sache zu widmen. Und Peter, der immer mutig seiner Intuition folgt und die Natur über alles liebt, hat sich dann in wunderschöner Weise voller Vertrauen auf das Abenteuer «Stiftung» eingelassen.

Peter Meyer von Green Advance

 

Wieso habt Ihr Euch für die Organisationsform der Stiftung entschieden?

Unser Ziel ist nicht kommerziell. Die Anwendung soll möglichst vielen Menschen ermöglichen, ohne viel Aufwand aktiv und gezielt Artenschutz zu betreiben. Deshalb ist sie auch kostenlos.

Klar, müssen wir uns auch finanzieren. Für die erste Phase kommt das Geld aus der Stiftung. Aber dann müssen wir uns um Fördermittel bemühen. Zum Teil durch die öffentliche Hand, Spenden und Förderstiftungen, aber auch gerne über Sponsoring.

 

Wie kann die Impact Hub Community euch unterstützen?

Schön wäre es, wenn jeder mitmacht und das Projekt weiterempfiehlt. Wir haben erst Ende Januar begonnen. Seit da treffen wir jedoch auf so viele Menschen und andere Projekte und stellen staunend fest, wo es überall zu Synergien kommen kann. Falls ihr also Projekte habt oder kennt, welche das Unsere ergänzen oder unterstützen könnten, freuen wir uns, von euch zu hören. Das gleiche gilt, falls wir irgendwo zur Blüte beitragen können.

 

 

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Sonja Bichsel, Storytelling, Communications, Civic participation, Education & Coaching

bichsel@gmail.com

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